Orientierung durch Orthodoxe Dogmatische Erläuterung

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Kapitel 10 // Kapitel 12

Leben  im Leibe Christi  ( Einführung in die Orthodoxie )

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11. Orthodoxie und Gesellschaftspolitischer Dienst (Versuch eines einleitenden Zugangs)



 

Häufig begegnet man der Behauptung, die Orthodoxie biete nicht die erwarteten Lösungen für die Strukturalisierung und die Zusammensetzung des gesellschaftlichen Lebens an; sie sei nichts anderes als eine «Religion des Jenseits», mit ausschließlich übergeschichtlichen Zielen, außerhalb der bestimmten historischen Wirklichkeit, außerhalb des «hier und jetzt»; sie beschränke sich lediglich auf das geistliche Leben, die Spiritualität, da sie sich nur für die Seele und nicht für die Lösung der irdischen Probleme, die Organisation der Gesellschaft also, interessiere. Nicht selten verkünden auch «Orthodoxe» mit einer übermäßigen Dosis «monophysitischen» Geistes, daß die Orthodoxie «nicht Körper rette, sondern unsterbliche Seelen», eine Tatsache, die sicherlich fehlerhafte platonische, manichäische oder brachmanische Tendenzen erkennen läßt. Daß derartige Proklamationen natürlich von «Pseudoverkündigung» und ultra-eschatologischen Neigungen gefärbt sind, ist selbstverständlich. Es gibt aber auch die entgegengesetzte Einstellung. Von nichtorthodoxen Voraussetzungen ausgehend bestimmen andere die Rolle der Kirche in der Welt einseitig «gesellschaftlich», als gesellschaftlichen Aktivismus und Aktivität zum Gemeinnutz, womit sie in einen extremen Historismus, in eine Überbetonung des Gegenwärtigen und eine Einengung ins Irdische, in die Geschichte abgleiten. In beiden Fällen wird vergessen, daß die Kirche von Anfang an als (organisierte) Gemeinschaft, als gottmenschliche Wirklichkeit auftritt, die allerdings eine bestimmte - ihre eigene - Lösung der gesellschaftlichen Problematik anbietet. Diese Lösung der Kirche, die sie als Orthodoxie der Apostel und der Heiligen Väter für das gesellschaftliche Leben aufzeigt, werden wir versuchen, in groben Zügen darzustellen.

 

1. Die soziale Frage als Herausforderung für die Kirche

 

Die soziale Frage ist das schwierigste und dornenreichste Problem jeder Epoche und jeder menschlichen Gesellschaft. Die ganze Menschheit fordert nach sozialer Gerechtigkeit, gerechter Verteilung der Güter, sozialer Gleichheit, Aufheben jedwelcher Unterschiede, Aufhören der Ausbeutung und der ungerechten Behandlung des einen Menschen durch den anderen. Das ist nicht nur die ewige Forderung des Menschen als Glied der Gesellschaft, sondern auch der Hauptgrund für das Bestehen aller politischen Systeme, die vor allem die Lösung der «sozialen Frage» proklamieren. Gerade unser Jahrhundert wurde als «Jahrhundert der sozialen Frage» bezeichnet wegen der starken Konflikte, die andauernd auf Grund des Gegensatzes von arm und reich, entweder auf der Ebene der Mi krogesei Ischaft oder der der Makro-gesellschaft verzeichnet wurden und verzeichnet werden. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit bewegt und beunruhigt ständig die gesamte Menschheit.

Die Herausforderung der sozialen Frage konnte die Kirche nicht gleichgültig lassen, da sie von ihrer eigenen Natur her Gemeinschaft ist. Ohne Gemeinschaft, d.h. unpolitisch, ist die Orthodoxie nicht vorstellbar. Es gibt keine individualistische Orthodoxie, keine individualistische Rechtfertigung, keine individualistische Rettung. Der Heilige (der wahre Christ) hat Leben und Gemeinschaftlichkeit, persönlichen geistlichen Kampf, aber auch gemeinschaftlichen Dienst vorzuweisen. Die Orthodoxie nimmt den ganzen Menschen an als seelich-leibliche Einheit und Ganzheit; sie rettet das ganze Leben, das geistliche und das körperlichmaterielle und bejaht alle menschlichen Probleme, sowohl die geistlichen, als auch die leiblichen. Der Eintritt in den Leib Christi, die Kirche, bedeutet nach orthodoxem Verständnis: sein ganzes Leben in sie, in die Gemeinschaft der Gnade, einzuordnen (vgl. «lasset uns einer den anderen und uns selbst und unser ganzes Leben Christus Gott überantworten»). Der Sinn der Fleischwer-dung des Gott-Logos ist die Verchristlichung bzw. Verchristung und Verkirchlichung des ganzes Lebens, die Heiligung aller unserer Verbindungen, unserer gesamten «Gesellschaft».

Aber auch aus einem anderen ebenfalls wichtigen Grund interessiert die Gesellschaft und ihre Problematik die Kirche: Und zwar, weil dem Christentum, wie schon gesagt, vielfach von den verschiedenen politischen Ideologien vorgeworfen wurde, daß sie nie etwas zur Lösung der sozialen Frage unternommen habe und auch niemals überhaupt die Absicht gehabt habe, dafür etwas zu tun; daß sie, anstatt die Partei der Armen und Unter-dückten zu ergreifen, sich mit den Starken, den Ausbeutern und Unterdrückern der Menschheit verbündet habe. Dagegen werden sie eben dort erfolgreich sein, wo das Christentum versagte; sie werden das «Reich Gottes» auf Erden verwirklichen, indem sie der Menschheit soziale Gleichheit und Gerechtigkeit schenken.

Es liegt nicht in unserer Absicht, zu Apologeten des Christentums zu werden oder etwa abzustreiten, daß leider in vielen Fällen viele «Christen» mit Kräften zusammenarbeiten, die die gesellschaftliche Ungleichheit und das soziale Elend nähren. Für diese Haltung sogenannter Christen kann aber nicht der christliche Glaube und noch viel weniger Christus selbst verantwortlich gemacht werden. Wir müssen jedoch hier an dieser Stelle eine notwendige Klärung vornehmen. Wenn wir von Christentum sprechen, so meinen wir damit den Leib Christi, Seine Kirche - die nicht nur der Klerus bildet, sondern alle, die an Christus richtig glauben und mit Ihm und unter sich durch das Band der Liebe verbunden sind. Die Kirche in der Welt sind wesentlich die Heiligen (Propheten, Apostel, Märtyrer, Asketen, Bekenner) und diejenigen, die darum kämpfen, Heilige zu werden, d.h. Christus unerschüttert treu zu bleiben, Seiner Wahrheit, Seiner Orthodoxie. Die Heiligen verraten weder Christus noch den Menschen. Auch die materiellen Probleme der Menschen lassen sie nicht gleichgültig. Für die Heiligen (in der «Gemeinschaft der Heiligen») existiert keine soziale Frage.

 

2. Die soziale Frage - Orthodoxe Betrachtung

Die soziale Frage ist im Grunde genommen eine ökonomische. Sie entsteht aus der Haltung des Menschen gegenüber den materiellen Gütern, den Mitteln zur Befriedigung seines Lebensunterhaltes. In diesem Zusammenhang können wir die Güter in zwei Hauptgruppen aufteilen: die natürlichen Güter, d.h. das von der Natur Gegebene (die ganze stoffliche Schöpfung), und die ö-konomischen - die, die der Mensch mit seiner Arbeit produziert.

Die Orthodoxie zeigt den Menschen am Anfang der Geschichte im Paradies, in der Gemeinschaft mit Gott, die das harmonische Zusammenleben auch mit den Mitmenschen gewährleistete. Seine paradiesische Existenzweise bestand in der richtigen Funktion des vertikalen Bezugs zu Gott und des horizontalen zum Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Die ständige Gegenwart Gottes im Menschen, in dem von Leidenschaften frei und rein bleibenden Herzen des Menschen, ist das «immerwährende Gedächtnis» Gottes, worüber die heiligen Väter sprechen. Und dieses gewährleistete die wahre Gemeinschaft Gottes und des Menschen, die mit dem Sündenfall verlorenging. Das Herz, das Zentrum der menschlichen Existenz, ist der Ort der Gemeinschaft des Menschen mit Gott. Bei den Heiligen ist die Gebetsfunktion des Herzens bekannt, die geistliche Funktion (vgl. Herzensgebet), die in der Aktivierung des Geistes im Herzen besteht. Diese Gebetsfunktion wird, wenn das Herz von den Leidenschaften gereinigt ist und den «Besuch» des Heiligen Geistes empfängt, zu einer ständigen, «ununterbrochenen» (vgl. 1 Thess 5, 14). Die geistliche Funktion des Herzens garantiert die Echtheit der Kommunikation des Menschen.

Das Erschlaffen der geistlichen Funktion (nicht der logischen) ist das Wesen des Sündenfalls des Menschen. In diesem Sinn haben wir auch die Erbsünde zu verstehen, und zwar als die Erfolglosigkeit des Menschen, vom geistlichen, ununterbrochen Gedächtnis Gottes (Gemeinschaft mit Ihm) zur Erleuchtung und Verherrlichung (= Gottähnlichkeit) zu gelangen. Die Funktionslo-sigkeit oder Unterfunktion der geistlichen Kraft und deren Verwirrung mit der Funktion des Gehirns ober der des Körpers macht den Menschen zum Sklaven der Angst, der ihn umgebenden Welt, des Körperlichen und des Materiellen. Der Mensch «verehrt» so «die Schöpfung anstatt des Schöpfers», wodurch na^ türlich die Echtheit seiner Kommunikation verloren geht. Er wird zum Individuum und auf der gesellschaftlichen Ebene zum Glied der Masse; er macht sich selbst zum Gott-Götzen und verwendet Gott und den Mitmenschen zur Absicherung seiner individuellen Sicherheit und seines individuellen Glücks. Die Gottlosigkeit, Vielgötterei und Götzenverehrung sowie die Naturreligion sind nichts anderes als eine psychologische Projektion des Sicherheitsbedürfnisses des gefallenen Menschen. Sie dienen dazu, die e-xistentielle Angst, die Sorge zu vertreiben. Das, was wir Kultur nennen, in allen ihren Erscheinungsformen (Religion, Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Recht), ist nichts anderes als die Bemühung des Menschen, den Zustand des Sündenfalls zu überwinden und damit das Heil zu verwirklichen. Dennoch verbleibt unsere E-xistenz in den Umständen, die durch das Ereignis des Sündenfalls herbeigeführt wurden.

Die innere Spaltung führte zur gesellschaftlichen Spaltung. Die Zerstörung der Gemeinschaft und die Einkerkerung des Menschen in das Gefängnis seiner Individualität, seiner Individualisierung, ist die gesellschaftliche Dimension der Sünde. Mit der Sünde jedoch trat der Eigennutz, der Vorteil, «das meine und das deine, dieses verfluchte Wort», in unser Leben, wie der Hl. Johannes Chrysostomus, der gesellschaftlich Aktivste unserer Heiligen, charakteristisch sagt. Die soziale Frage erschien in der Geschichte genau ab dem Zeitpunkt, an dem der Mensch gegenüber den materiellen Gütern Stellung bezog; sie trat in dem Augenblick auf, in dem er aufhörte, mit seinem ganzen Sein auf seinen Schöpfer, den Dreieinigen Gott, ausgerichtet zu sein, und seinen Blick und seine Aufmerksamkeit auf die Schöpfung, auf die Welt, richtete und sich der Materie hingab im Glauben, daß von ihr seine Rettung abhinge. Die Entfernung des Menschen von Gott machte ihn zum Sklaven der Materie. So ist die typische Haltung des Menschen, der in der Gott-Iosigkeit seiner Autonomie lebt, von dem Bestreben bestimmt, so viele Güter wie nur möglich zu erwerben, da er seine Rettung und Sicherheit nicht mehr auf Gott, sondern auf die Schöpfung um sich stützt.

In dieser tragischen Entfremdung wird der «andere», der Mitmensch, wahrhaft zur «Hölle» für uns - das ist unter anderem die Zentralbotschaft der heutigen atheistischen Philosophie. In unserem egoistischen Heißhunger läßt uns entweder die Existenz des Mitmenschen völlig gleichgültig oder wir betrachten ihn als Hindernis bei der Befriedigung unserer Habgier und versuchen mit seiner Vernichtung auch seinen Anteil an der Welt an uns zu reißen und, wenn irgendwie möglich, allein in der Schöpfung zu bleiben und sie allein zu genießen. Diese Haltung beschreibt Christus im Gleichnis des törichten Reichen (Lk 12,16-21). Die individualistische Betrachtung der materiellen Güter ist die Wurzel der sozialen Frage, der ökonomischen und sozialen Ungleichheit, die auf der Welt herrscht. Die Kultur, in der wir leben, befindet sich im Zustand des Sündenfalls, so sehr sie auch immer oberflächlich vom Geist des Evangeliums beeinflußt zu sein scheint. Daher leben wir in einer Gesellschaft, die sich nur wenig (wenn überhaupt) von einem Dschungel unterscheidet, da sich Mensch gegen Mensch und Volk (Gruppe von Menschen) gegen Volk wendet, und plagen uns ab in einem unaufhörlichen gegenseitigen Auffressen in jeder Lebenssituation.

Zurück zur wahren Gemeinschaftlichkeit gelangt der Mensch nur mit der Heilung der Krankheit seines Herzens. Das reine Herz empfängt die Erleuchtung (Besuch) des Heiligen Geistes. In diesem Stadium wird die eigennützige Liebe zur uneigennützigen göttlichen Liebe. Ohne die Erleuchtung durch den Heiligen Geist kann unsere Liebe den Eigennutz (d.h. die Unvollkommenheit) nicht überwinden; sie bleibt unvollkommen und unecht. Mit der göttlichen Erleuchtung wird der Mensch zum «Tempel des Heiligen Geistes», geistlich und wahrhaft, er wird verchristlicht. Es geht um die Einordnung des Menschen mit seinem ganzen Sein in Christus, so daß der Mensch auf Gott ausgerichtet und von Gott bewegt wird. Im Stadium der Erleuchtung werden alle Kräfte des Menschen aktiviert, wobei das Ergebnis jedoch nicht eine individuelle Errungenschaft des Menschen, sondern die «Frucht» des Heiligen Geistes ist (s. Gal 5, 22), umkleidet mit der Unver-gänglichkeit Gottes.

Die Kirche als Leib wird von den Aposteln als «Bauwerk» (1 Kor 14, 12) bezeichnet. Ein Bauwerk aber ist mit Wachstum verbunden. Die Kirche ist ein Leib, der ständig wächst. Ein altkirchlicher Text, der Hirt des Hermas (2. Jh.), zeigt uns das «Wie» dieses Wachstums. Wir müssen, sagt er, alle Bausteine sein, damit das Bauwerk fortschreitet: nicht «runde» Steine, sondern «viereckige», d.h. «würfelartige». Wer sich in seinem Ich vergräbt, der ist ein runder Stein und folglich, ungeeignet für das Bauwerk; er trägt nicht zum Wachstum der Kirche bei. Nur eine tätige Beziehung der Glieder des Leibes macht das Wachstum der Kirche möglich. Diese tätige Beziehung der Gläubigen wird dort erreicht, wo der Eigennutz wegfällt. Außerdem ist genau das auch die «Bestimmung» des Menschen: Gott ähnlich zu werden, zur «Gottähnlichkeit» zu gelangen. Das gelingt dem Menschen aber erst dann, wenn er sich von dem typischen, äußerlichen Nachahmen Christi befreit und zur uneigennützigen Liebe gelangt, wenn er den Egoismus und Egozentrismus überwindet. Je uneigennütziger wir werden, desto mehr werden wir Gott ähnlich.

 

3. Orthodoxe Betrachtung der Güter

Der in Christo wiedergeborene Mensch, der mit der Einwoh-nung des Hl. Geistes in sich zum «Tempel Gottes» geworden ist, besitzt den «Geist Christi» (1 Kor 2, 16) und sieht die Welt nicht mehr mit den Augen des gefallenen Menschen, sondern im Heiligen Geist mit den Augen, die mit der Erleuchtung des Hl. Geistes der «Umwandlung auf Gott hin» gewürdigt wurden. Der Heilige, der den Geist und Gott in sich trägt, gelangt zu einem neuen Bewußtsein seiner selbst und der Welt.

(a) Die ganze Schöpfung und alles, was in ihr ist, gehört nach der Gesinnung des in Christo wiedergeborenen Menschen Gott, ihrem Schöpfer, der auch ihr absoluter Herr ist. Der Dreieinige Gott schuf die Welt aus dem Nichts. Ihm ist alles, was uns umgibt, außer dem Bösen - der Sünde. Der einzig wahre «Besitzer», der einzige, dem diese Charakterisierung zukommt, ist der Dreieinige Gott. Jhm gehört der Himmel und die Erde, die geistlichen und materiellen Dinge. «Dem Hern ist die Erde und was sie erfüllt» (Ps 24, 1; 1 Kor 10, 26). Der Begriff «Besitz» existiert also nicht im christlichen Wortschatz oder zumindest nicht in der Weise, wie wir ihn gewöhnlich zu benutzen pflegen. Auch können wir nicht, wenn wir die Wirklichkeit nehmen, wie sie ist, über «unser» Vermögen oder über etwas, was «uns» gehört, sprechen. Kein Mensch kann behaupten, daß ihm auf dieser Welt etwas in Wirklichkeit gehört, da wir nackt auf die Welt kommen und sie auch nackt wieder verlassen (Hiob 1, 21).

Basilius der Gr., einer unserer größten Väter und zugleich einer derjenigen, die sich am tiefsten mit der sozialen Frage befaßten und darüber hervorragende Reden hielten, schreibt charakteristisch in einem seiner Werke: «Wir sind die Seele und der Geist (d.h. der geistliche Bestandteil der menschlichen Natur), da wir nach dem Bild unseres Schöpfers geschaffen wurden. Uns gehört unser Körper und seine Gefühle. Alles andere befindet sich um uns: die Berufe, die Gegenstände und die übrigen Dinge des Lebens» (Homilie: «Achte auf dich selbst», Kap. 3). Eigentlich gehört natürlich nicht einmal unser Körper uns und auch nicht unser Geist; denn auch sie sind das Werk des Dreieinigen Gottes. Aber selbst wenn wir annehmen - sagt Basilius der Gr. - daß etwas uns gehört, so ist das unser Körper, denn nur mit ihm kommen wir auf die Welt. Alles andere ist außerhalb von uns und uns fremd. Es ist «um uns», unsere Umwelt. Wie können wir also behaupten, daß es «uns gehört»?

Daraus schließen wir also, daß nichts von alledem, was der Mensch auf dieser Welt besitzt oder erwirbt, ihm gehört. Er besitzt es nur als etwas Fremdes, als etwas, was nicht ihm gehört; denn Gott gehört alles. Aber Gott wollte in Seiner unendlichen Liebe zu uns, daß der Mensch «Verwalter» Seiner Geschöpfe werde. Er überträgt dem Menschen den Besitz und den Gebrauch der Güter Gottes. So wird der Mensch zum «Wirtschafter» im unendlichen «Besitz» Gottes, zu seinem demütigen Verwalter.

(b) Das Recht zum Gebrauch der Güter Gottes wurde jedoch wiederum von Gott nicht einem oder wenigen, sondern der ganzen Menschheit übertragen. Das sehen wir klar im ersten Kapitel der Genesis (Z. 27 ff.). Gott segnete das erste menschliche Paar, d.h. die ganze Menschheit, und wünschte ihnen, die Erde zu füllen und deren Herren zu werden; er vertraute ihnen also die ganze materielle Schöpfung an.

Alle Menschen sind von Geburt gleich mit gleichen Rechten gegenüber der Welt und ihren Gütern. Die verschiedenen Unterschiede in unserem Leben (Rassen -, Klassen -, soziale, ökonomische) kommen nicht von Gott. Sie sind das Ergebnis des Sündenfalls, unserer Sünde. Nach dem Sündenfall bekämpft und unterwirft der eine Mensch den anderen. Gott «hat aus einem einzigen (Blut oder Ursprung) das ganze Menschengeschlecht hervorgehen lassen» (Apg 17, 26). Die Orthodoxie ist von ihrer Natur her antifeudal, wenn wir unter Feudalismus die Beanspruchung «erblicher» Rechte auf die Macht oder die Unterscheidung der Menschen in «Adlige» und «Untertanen» von ihrer eigenen Natur her verstehen. Denn der eine wird nicht zum Herrschen geboren und der andere zum Sklave-Sein. Unsere Bestimmung ist es, einander zu dienen und zu helfen und alle untereinander gleich und Brüder zu sein. Der Individualismus (die Verabsolutierung des einzelnen und der Herrschaftsanspruch über die anderen) und die Vermassung (die Unterdrückung und Verneinung der Persönlichkeit) haben im Christentum keinen Platz. Das Christentum kennt nur die Gemeinschaft der gleichen, gleichwertigen Personen.

  1. Als Gott der Menschheit (dem ersten menschlichen Paar) das Paradies übergab, gab er gleichzeitig den Auftrag, «es zu bebauen und zu bewahren» (Gen 2, 15). Das bedeutet, daß die Arbeit die einzig richtige und von Gott anerkannte Art und Weise ist, sich das Notwendige zum Lebensunterhalt und zur Sicherheit zu erwerben. Wir müssen «unsere Güter» also auch auf gerechte Weise erwerben, damit sie gerecht und christlich vertretbar sind. Und das geschieht, wenn «wir mit unseren eigenen Händen arbeiten», wie der Apostel Paulus sagt (1 Kor 4, 2). Es ist bezeichnend, daß der Apostel Paulus selbst, obwohl er die Koryphäe der Apostel war und sich ständig auf Missionsreisen befand, nie jemandem zu Lasten fiel und seinen Anklägern antworten konnte: «Diese meine Hände haben mir und meinen Begleitern den Lebensunterhalt verschafft» (Apg 20, 34). Der gleiche Apostel Paulus gab der Kirche und der Welt jene bekannte und fundamentale Regel, die als programmatisches Gesetz in der christlichen Gemeinschaft gilt: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen» (2 Thess 3, 10)! Besonders zu beachten ist jedoch in diesem Zusammenhang, daß das Wort Gottes nicht lautet: «der nicht arbeitende» wie wir gewöhnlich zu sagen pflegen, sondern «wer nicht arbeiten will»! Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die zum Lebensunterhalt notwendigen Güter, wenn sie nicht nach dem Willen Gottes erworben werden, niemals in der Orthodoxie ihre Rechtfertigung finden können. An diesem Punkt sind die heiligen Väter kategorisch. Sie sprechen von «Habgier», «Ungerechtigkeit», «Raub» usw.

  2. Es gibt jedoch eine schwer erkennbare und daher sehr ernste Gefahr bei der Betrachtung der materiellen Güter. Das Christentum läßt sich leicht davon überzeugen, daß die Schöpfung nicht uns, sondern Gott, ihrem Schöpfer, gehört. In Bezug auf die ökonomischen Güter jedoch, d.h. die Güter, die wir mit unserer Arbeit produzieren, wird das Problem weit schwieriger. Sie werden auch unter Christen zum Anlaß vieler Mißverständnisse, die offensichtlich zu einer «gesellschaftlichen Häresie» führen.

Eben weil wir die ökonomischen Güter produzieren, mit unseren Händen oder in unseren Fabriken, gelangen wir dazu, sie als die unsrigen zu betrachten. Diese fehlerhafte Überzeugung führt jedoch sehr leicht zu jeder Art von Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Denn derjenige, der über die meisten Fähigkeiten verfügt o-der sich in einer vorteilhafteren Lage als die anderen befindet, kann leicht, von der Sündhaftigkeit der Natur beherrscht, der Gewinnsucht zum Opfer fallen und völlig rücksichtslos werden, um immer größere Gewinne zu erzielen. Nicht umsonst sind aus den religiösen Kreisen des Westens die führenden Geister des Kapitalismus hervorgegangen, der genau das verkündet: die Freiheit des einzelnen, Gewinne zu erzielen, Güter auf Grund seiner Fähigkeiten zu erwerben ohne Rücksicht im Gebrauch seiner Mittel. Es gibt keinen Reichtum, vor allem im heutigen Sinne des Wortes, der ohne Ungerechtigkeit entsteht.

Der Eindruck, daß die «ökonomischen» Güter dem «gehören», der sie produziert, ist auf das Scheinempfinden zurückzuführen, daß die geistigen und körperlichen Fähigkeiten «uns» gehören und folglich, daß auch das, was wir produzieren, «uns» gehört. Wenn wir orthodox sagen, daß nichts uns gehört - daß wir nichts besitzen -, bezieht sich dies ebenfalls auf unsere «natürlichen» Fähigkeiten. Im Grunde genommen gehört uns nichts, da wir «aus dem Nichts», «aus dem Nicht-Sein» geschaffen wurden und «der Gnade nach» sind. Von der Liebe des Dreieinigen Gottes hängt unsere ganze Existenz ab. Selbst die Unsterblichkeit der Seele, die den Menschen wesentlich und letztlich von den Tieren unterscheidet, besitzen wir nicht von unserer Natur her. Der Dreieinige Gott schenkte sie uns der Gnade nach (Gen 2, 7). So sind auch der Geist, das Gehirn, die Intelligenz, die körperlichen und geistigen Kräfte Geschenke Gottes; sie sind Talente, die wir aufgefordert sind, nach dem Willen Gottes nutzbar zu machen und zum Dienst am Mitmenschen einzusetzen, damit sie zu Mitteln des Heils und nicht zum Anlaß der Zerstörung und des Todes werden. Derjenige, der über mehr verfügt, hat sogar mehr zu leisten. Diese christliche Lebensregel gilt nicht nur für die materiellen, sondern auch für die geistigen Güter.

(e) Auch die Güter also, die wir mit unserer Arbeit erwerben oder schaffen, gehören nicht uns. Ihr Herr und Besitzer ist Gott, Ihm gehören sie ganz und gar. Wir sind einfach ihre Verwalter. Sie gehören nicht uns, sie gehören dem, der sie benötigt. Wir haben die Verantwortung und gleichzeitig die Ehre, sie auf die möglichst beste, auf die möglichst göttlichste Weise zu verwalten. Daher sagt der Ap. Paulus: «Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb» (2 Kor 9, 7), denjenigen also, der mit offener Hand und Freude verteilt, ohne Bedauern. Eine größere Freude kann es für einen Christen nicht geben, als alle ihm zur Verfügung stehenden Güter, geistige wie materielle, in den Dienst der anderen zu stellen, in den Dienst derer, die sie benötigen. Diese Tugend findet ihren höchsten Ausdruck in der Besitzlosigkeit des Mönchtums. Im orthodoxen Mönchtum gelangt der Mensch zu einem derartigen Maß an Freiheit, daß er nichts für sich behält. Genau dann übergibt er sich vollständig Gott und wird gerettet. Basilius der Gr. verurteilt alle die, die den Überschuß, den Gewinn («Mehrwert») wie Diebe für sich behalten. Er betont, daß «das, was wir im Lager(haus) aufbewahren, denen gehört, die nichts haben» (P.G. 31, 277). Auch Gregor der Theologe sagt: «Schämt euch, die ihr das behaltet, was den anderen gehört. Ahmt die Gleichheit Gottes nach» (P.G. 35, 889). Selbst wenn wir wohltätig sind, müssen wir uns dessen bewußt sein, daß wir nicht geben, was uns gehört. Wir geben von den Gütern, die Gott uns anvertraut hat. Wir geben Liebe vom Erbarmen und der Liebe Gottes. Sehr bezeichnend ist die Geschichte, die der Evangelist Lukas in der Apg. (3, 2 ff.) erzählt. Petrus und Johannes, die Apostel, gingen zum Tempel. Irgendein gelähmter Bettler ersuchte sie, wie er es gewöhnt war, um Barmherzigkeit. Die Apostel aber hatten kein Geld. «Silber und Gold habe ich nicht - sagt Petrus zu ihm - Das, was ich habe, das gebe ich dir». Und was gab er ihm? Die Gnade Gottes. Im Namen Christi heilte er ihn... Diese Wahrheit verwirklichen wir jedes Mal in der göttlichen Liturgie. Wir erheben das Brot und den Wein, unsere eucharistischen Gaben, die nicht unsere, sondern die Gaben Gottes an uns sind. Diese bringen wir dar unserem «Großen Wohltäter» Gott und sagen Ihm: «Das Deine vom Deinigen bringen wir Dir dar». Nicht weil Gott sie braucht, sondern damit Er die Materie in Geist verwandelt, das Vergängliche in Unvergängliches, den Tod in Leben. Die eucharistische Verwendung der Materie verwandelt die Materie in Gnade.

Kurzum, für dieses Thema gibt es eine christliche Regel, die keinen Raum für Fehlinterpretationen bezüglich der Güter läßt. Damit die Güter - welcher Art auch immer -, die wir besitzen, christlich vertretbar sind, muß sowohl ihr Erwerb als auch ihr Gebrauch im Einvernehmen mit dem Willen Gottes geschehen, d.h. in Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Alles, was von Ausbeutung und Unrecht oder Betrug jeder Art herrührt, kann christlich nicht gerechtfertigt werden. Auch wenn bestimmte Güter auf ehrliche Weise erworben wurden, sind sie nur dann gesegnet, wenn sie nach dem Willen Gottes verwendet werden, d.h. zur Linderung der Nöte der Mitmenschen und nicht als Nahrung für unseren Egoismus. Darum tadelte Gott den törichten Reichen (Lk 12, 20). Denn die Güter, die er möglicherweise auf ehrliche und gerechte Art und Weise erworben hatte, betrachtete er als die seinigen.

Die Konsequenzen des bisher Gesagten werden deutlich sichtbar in unserer kirchlichen Tradition. Wer sich in der Atmosphäre der Orthodoxie der heiligen Väter bewegt, weiß, daß die Orthodoxie von ihrer Natur her revolutionär und mit dem Unrecht und der Unterdrückung unvereinbar ist. Ihre Lebensweise widerspricht radikal der bürgerlich-kapitalistischen, in der wir lernten, die «Christen» darzustellen, wobei wir möglicherweise sogar gute Werke vollbringen mit dem, was wir auf ungerechte Weise angesammelt haben. Diese Haltung der Orthodoxie hat aber ihre Konsequenzen.

 

4. Alles gemeinsam!

Zweifellos fällt es dem Menschen unserer Gesellschaftsform sehr schwer zu glauben, daß dieser «Wahlspruch» ganz und gar christlich-orthodox ist! Die Unkenntnis unseres Glaubens wegen der mangelnden Erfahrung der christlichen Gemeinschaft, die sich auf die Klöster beschränkte - und nicht alle -, hat unsere Kriterien und unsere Reaktionen so hoffnungslos erkranken lassen, daß wir nicht einmal mehr imstande sind, das «unsrige» vom «fremden», das Kirchliche vom Nichtkirchlichen, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Und doch ist der obige Satz ein echtes kirchliches Bekenntnis, das in der Geschichte zur Tat wurde. Er ist die Frucht des Lebens der Heiligen; denn die Orthodoxie ist keine Spruchsammlung, sondern ihr Wort ist immer in der Tat begründet: «Ich hasse Worte, denen das Leben widerspricht», sagt Gregor der Theologe. Das Leben der «Vergotteten», der in Wahrheit dem Wort Christi Treuen - der Heiligen -, wird zu der alle Jahrhunderte überdauernden Verkündigung der Kirche, aber auch zum Hymmus und zur Verherrlichung, wie wir das in unserem Kult erleben.

So lesen wir z.B. in einem frühchristlichen Text, der zu Anfang des 2. Jahrhunderts geschrieben wurde, der «Didache der Apostel» (sie wurde so genannt, nicht weil sie von den Aposteln geschrieben wurde, sondern weil sie den apostolischen Geist, die a-postolische Lehre ausdrükt): «Sei nicht gleichgültig dem gegenüber, der in Not ist, sondern habe alles gemeinsam mit deinem Bruder (= dem Mitmenschen) und sage nicht, daß (das, was du hast) dein eigen sei. Denn, wenn ihr das Unsterbliche gemeinsam habt, um wieviel mehr habt ihr dann auch das Sterbliche gemeinsam» (Kap. 4, 8)!

Die Didache versetzt uns in das Leben der Christen gegen Ende des 1. Jahrhunderts; ihre Botschaft jedoch als bestimmender Grundsatz des christlichen Ethos ist viel älter. Bereits in der Apostelgeschichte teilt uns der Evangelist Lukas über das Leben der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem mit, daß «alle Gläubigen wie eine Familie waren und alles gemeinsam hatten» (Apg 2, 44). Etwas weiter unten wiederholt er: «Die Menge der Gläubigen waren ein Herz und eine Seele. Und kein einziger sagte, daß etwas von seinem Besitz sein eigen sei (sein individueller Besitz), sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam» (Apg 4, 32).

Es wird also deutlich, daß die erste christliche Gemeinschaft auf dem Fundament der Gütergemeinschaft gegründet war. Und das war ein Grund dafür, daß die Leute die Kirche mit einer derartigen Bewunderung betrachteten wegen der Liebe und Brüderlichkeit, die das christliche Leben kennzeichneten. Das ist das wahrhaft (authentische) christliche-gemeinschaftliche Zusammenleben, das von unseren heiligen Vätern als die echte Form des Christseins in der Welt verkündet wird.

Wie jedoch wurde diese Botschaft von den Christen gelebt und angewendet? Hat dieser kirchliche Gemeinschaftsgrundsatz etwas mit den bekannten Gesellschaftstheorien gemeinsam? Natürlich nicht! Diese kirchliche Forderung birgt keinerlei «proletarische» Gesinnung in sich. Denn sie ist nicht einfach ein Wahlspruch oder ein Gesetz, das mit Gewalt seine Anwendung fordert. Sie ist ganz im Gegenteil die natürliche Frucht der Gemeinschaft des Menschen mit der Gnade Gottes, die ihn würdigt, diese Liebe zu seinen Mitmenschen, seinen Brüdern zu zeigen. Außerhalb des Leibes Christi, seiner Gnade und seiner Sakramente, kann sie niemals eine Möglichkeit zu ihrer Anwendung finden, und dort, wo sie einfach als gesellschaftliche Forderung ohne die Voraussetzungen des Hl. Geistes in der Kirche erhoben wird, bleibt sie eine leere Phrase, die nichts bewirkt.

Die Botschaft der Apostelgeschichte und der Didache ist folgende: In irgendeinem Moment werden Reiche und Arme zu Christen. Sie begegnen sich in der neuen Gemeinschaft der Gnade, im Leib des Herrn, und empfangen ununterbrochen die ungeschaffene göttliche Gnade, um in der Zeit ihre Zeitlichkeit, ihren Tod und ihre Vergänglichkeit zu überwinden. Die Gnade Gottes ist ein geistlicher Regen, der unaufhörlich, ohne Unterschied und Ausnahme, alle und alles bewässert (Mt 5, 45). Vom Augenblick der Taufe an werden wir alle, Männer und Frauen, Berühmte und Unbedeutende, gleich vor der Rettung, die der Dreieinige Gott schenkt (Gal 3, 28). Der Hl. Geist verteilt an alle ohne Ausnahme Gnadengaben je nach ihrer Empfänglichkeit (1 Kor 12). Im Leib Christi werden wir alle zu Brüdern. Die Kraft, die uns alle zu einer unzerbrechlichen gemeinschaftlichen Einheit zusammenfügt, ist die Gnade Gottes, die sich in unserem Leben als Liebe äußert.

In der Familie der Kirche haben wir jedoch nicht das Recht, uns die Geistesgaben anzueignen, sie als unser Eigentum zu betrachten. Wenn wir sie nicht zum Dienst an unseren Brüdern a-ktivieren, begraben wir unser Talent (Mt 25, 25); und das kommt der Verneinung der göttlichen Gnade gleich.

Was für die geistigen Güter gilt, gilt ebenfalls für die materiellen. Auch diese dürfen wir nicht als unseren «Besitz» betrachten; denn sie sind in gleicher Weise ein Geschenk der Liebe Gottes -vorausgesetzt natürlich, daß wir sie im Einklang mit Seinem Willen erworben haben. So, wie es für einen Christen undenkbar ist, sich der geistigen Güter des anderen zu bemächtigen, ist es für ihn ebenfalls undenkbar, sich dessen materieller Güter zu bemächtigen. In welcher Hand auch immer sich die geistigen und materiellen Güter befinden, sie sind gemeinsam. Ohne ständig den Besitzer zu wechseln, gehören sie allen. Denn, wenn sich der Bruder in einer Notsituation befindet, in einer geistigen oder materiellen, werden sie auch die seinigen, damit seine Not behoben wird.

Hierin liegt die Freiheit derer begründet, die wahrhaft in der Kirche wiedergeboren sind; und ihren höchsten Ausdruck findet sie in der Besitzlosigkeit und freiwilligen Armut der Mönche. Wenn nicht die Besitzlosigkeit vorausgeht, kann es sogar keine Gütergemeinschaft geben. Von dem Moment an, in dem man sich von «seinem» Besitz loslöst, wird man wirklich frei, und von diesen Augenblick an bleiben die Güter im Grunde genommen ohne Besitzer und werden gemeinsam. Der Verzicht auf jede Forderung nach irgendwelchem Besitz ist die Grundvoraussetzung für die eucharistische Verwendung der Welt-Schöpfung in der Praxis der Liebe und Brüderlichkeit.

Wie die Praxis der ersten Kirche zur kirchlichen Tradition wurde, stellt man fest, wenn man die Heiligen Väter studiert, wie z.B. den Hl. Chrysostomus: «... Denn alles haben wir von Christus empfangen; auch diese unsere Existenz und unseren Atem und das Licht und die Luft. Und wenn Er uns eines von diesen Gütern nimmt, gehen wir sofort verloren und zugrunde. Wir sind also Fremdlinge und Durchreisende auf der Erde. Was aber die so häufig verwendeten Begriffe «mein» und «dein» betrifft: sie sind einfache Worte, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn, wenn du behauptest, daß dein Haus dir gehört, ist diese Behauptung eine einfache Redeform. Denn auch die Luft und die Erde (das Grundstück) und die Baustoffe gehören deinem Schöpfer, und auch du, der Erbauer (des Hauses), und alles übrige. Auch wenn dir der Gebrauch gehört, so ist sogar dieser unsicher, nicht nur wegen des Todes, sondern auch vor diesem wegen der allgemeinen Unbeständigkeit der Bedingungen des irdischen Lebens. ... Deine Seele gehört in Wirklichkeit nicht dir. Wie gehört dir dann dein Geld?... Weil also (auch das Geld) nicht uns, sondern Gott gehört, müßten wir es zum Wohl unserer Mitmenschen ausgeben. ... Behaupte also niemals, daß du das deinige ausgibst und dich mit deinem Vermögen vergnügst. Du vergnügst dich nicht mit deinem Vermögen, sondern mit den Gütern, die den anderen gehören... (Die Güter) werden wirklich deine eigenen werden, wenn du sie zum Wohl der anderen verwendest. Wenn du sie jedoch großzügig für dich verwendest, dann werden die deinigen zu fremden... Wenn du sie aber als gemeinsam betrachtest, dann gehören sie sowohl dir als auch deinen Mitmenschen, so, wie auch die Sonne, die Luft, die Erde und alle die anderen natürlichen Güter gemeinsam sind...» (P.G. 61, 86-87).

Wir verstehen also, warum die Orthodoxie keine gesellschaftliche Revolution benötigt, um Gerechtigkeit zu bringen. Denn die Revolution findet im Herzen der Heiligen statt und wird «Reinigung des Herzens von den Leidenschaften» genannt, damit das Herz zur (selbstlosen) Liebe und zur Gerechtigkeit gelangt. Diese

Revolution der Orthodoxie in der Welt wird im Lauf der Geschichte jedoch nur von denen verwirklicht, die Christus in seiner Ka-tholizität und Fülle annehmen als den «Arzt unserer Seelen und Leiber», der nicht «tötet und verdirbt» (Jo 10, 10) wie die Herrscher dieser Welt, sondern die Seelen und Leiber heilt, indem Er sie zur inneren Gesundheit (auf Gott zentrierte Gesinnung) und äußeren Gesundheit (liebende Gemeinschaft) führt.

 

5. Die Lösung: Die Kirche

Die Frage aber ist: kann sich der Christ mit irgendeinem menschlichen System abfinden, und vor allem, kann er sich damit i-dentifizieren? Die Antwort ist natürlich: Nein! Die Systeme der Welt sind ideologische Konstruktionen, menschliche Schöpfungen also, die die Innenwelt ihrer Schöpfer materialisieren. Selbst im besten Fall können sie folglich nichts anderes sein als unvollkommene Konstruktionen, mit all den Schwächen des gefallenen Menschen, seinen Leidenschaften und seinen Mängeln. Der Christ weiß, daß auch auf der Ebene der Gesellschaft die Lösung - die Rettung - von Christus gebracht wurde, und zwar in Seinem Leib, der Kirche. Ebenfalls aber weiß er, daß die Inkonsequenz der Christen die Menschen zu den gesellschaftspolitischen Systemen der Welt treibt.

Christus brachte der Welt mit Seiner Fleischwerdung nicht einfach eine neue Religion (Kult), sondern ein neues Leben, eine neue Seinsweise. Die Lösung Christi für das menschliche Drama beschränkte sich nicht auf eine weise Lehre und die Beantwortung der menschlichen Probleme. Christus rief uns auf, Glieder einer neuen Gemeinschaft zu werden, der Gemeinschaft Seines Leibes, Seiner Kirche. Das Ziel der Kirche als Leib Christi ist es, in sich die ganze Menschheit aufzunehmen, die ganze Welt zu «verkirchlichen», d.h. zu «verchristen». Die Rettung des Menschen und der Menschheit in ihrer Gesamtheit ist nur in der Kirche möglich.

Was Christus also als Lösung für das soziale Drama der menschlichen Gesellschaft vorschlägt, ist kein Gesellschaftssystem; Er bietet keine formalen Weisungen und Richtlinien, sondern Seine eigene Gemeinschaft an, eine Gemeinschaft, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit der übrigen Gesellschaft, der der menschlichen Gesellschaftssysteme, hat. Denn die Gemeinschaft Christi ist nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistliche, nicht nur eine irdische, sondern auch eine himmlische. Sie ist nicht nur eine menschliche, sondern eine Gottmenschliche. Sie ist nicht an die Gegenwart, an diese Welt gefesselt, sie dehnt sich auch in die Ewigkeit aus. Sie hat nicht (nur) irdische und beschränkte Ziele, sondern ewige und unsterbliche. Ihr Ziel ist nicht einfach die Sicherung der sozialen Gerechtigkeit (nehmen wir einmal an, daß die menschlichen Systeme diese verwirklichen könnten...), sondern die soziale Gerechtigkeit ist in der Kirche eines der Mittel, die dem Menschen und der Gesellschaft dazu verhelfen, sowohl in diesem Leben als auch in der Ewigkeit in der Liebe Gottes zu leben, damit sie schließlich teilhaben an dem ewigen Reich, dem ewigen Heil, welches die ewige Gemeinschaft mit Gott ist, die «von Herrlichkeit zu Herrlichkeit» fortschreitet in einem endlosen ewigen Fortgang. Es ist wahrhaft erstaunlich, daß man von der Gemeinschaft mit Gott (Einwohnung des Hl. Geistes im Herzen) zur Gemeinschaft mit seinen Brüdern-Mitmenschen gelangt, wie auch von der liebenden Gemeinschaft mit den Mitmenschen zur ewigen Gemeinschaft mit Gott. (Das ist der Sinn der Erzählung vom Jüngsten Gericht. Mt 25, 31 ff.).

Die soziale Gerechtigkeit ist aber nicht nur ein bloßes Ideal für die Kirche geblieben; sie hat in einer bestimmten Lebensweise mit absoluter Konsequenz geschichtliche Gestalt angenommen, wie die Organisation der ersten Kirchengemeinde in Jerusalem zeigt. Unabhängig von den verschiedenartigen Auslegungen, die der Bildung der ersten apostolischen Gemeinschaft widerfahren sind und die in eine breites Spektrum theologischer Voraussetzungen einzuordnen sind, werden wir uns dieser ersten organisierten kirchlichen Gemeinschaft mit unseren Heiligen Vätern als Führern nähern, die die Dinge mittels ihrer Erfahrungen aus der Gottesschau betrachten.

Unmittelbar nach Pfingsten - vorausgegangen war die gemeinschaftliche Lebensweise Christi mit seinen Jüngern - tritt die Kirche in der Welt als neue Gemeinschaft auf, als «Welt in der Welt», als neue gesellschaftliche Größe in der übrigen geschichtlichen Gesellschaft. Wie die Arche Noachs (Gen 7), die die Kirche symbolisierte, in der Welt reiste, aber nicht mit ihr versank, so reist auch die Kirche als Arche (Schiff) der Rettung in der Sintflut der Sünde und Ungerechtigkeit der Welt, ohne sich mit ihr zu identifizieren. Christus ersetzte die alte Gemeinschaft des Sündenfalls mit Seiner neuen Gemeinschaft, die ständig die Welt in sich aufnimmt und rettet. So, wie Christus, die All-Wahrheit, alles rettet, rettet auch Sein Leib, die Kirche, als Fülle der Wahrheit allumfassend das ganze Leben, indem sie alle gemeinschaftlichen Strukturen in ihrer ganzen Breite und Tiefe mit der wiedergebärenden Kraft des Hl. Geistes umwandelt und heiligt.

Der Gemeinschaftscharakter der Kirche wird zunächst in den Bezeichnungen deutlich, die auch ihr Wesen andeuten: Leib, neue Schöpfung, (neues) Israel, heiliges Volk, Staat («Neuer Staat»), Stadt Gottes, Welt der Welt, Gemeinschaft der Gläubigen (vgl. Apg 2, 42) usw. Die Bezeichnungen der kirchlichen Hirten haben ebenfalls gemeinschaftlichen Charakter: Bischöfe - Priester -Diakone - Klerus. Obwohl die Apostel und Heiligen Väter diesen Begriffen einen kirchlichen Inhalt geben, um ihnen die Bedeutung, die sie im allgemeinen Wortschatz der griechischen Stadt hatten, zu nehmen, drücken sie dennoch mit diesen die gemeinschaftliche Wirklichkeit des Herrenleibes aus, als gottmenschlicher und weltlicher Organisation, die sich aus Gliedern zusammensetzt, die in dieser Welt leben.

Die gemeinschaftliche Organisation der Kirche zeigt sich sogleich mit der Einrichtung der «Institution» der Gütergemeinschaft (Apg 2, 42; 44-47; 4, 23-37; 5, 1 f., 6, 1 f.). Diese Organisation der gemeinsamen Mittel im Dienst der Liebe ist aber nichts anderes als eine «politische Maßnahme» mit der aristotelischen Bedeutung des Begriffes. Beachtenswert ist jedoch hier, daß die a-postolische Kirche mit den Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, die Lösung eines bestimmten Gemeinschaftsproblems in die Hand nimmt, selbst wenn sie dabei auch von außerkirchlichen Vorbildern beeinflußt wird (z.B. Qumran, römische Collegia). Darin besteht außerdem die Aufgabe der Kirche: die Welt in sich aufzunehmen und in Christo umzuwandeln und zu heiligen. Die A-postelsynode richtet darüber hinaus die Institution der «Sammlungen» ein, d.h. das Sammeln einer finanziellen Hilfe von den Gläubigen einer Gemeinde für die Ärmeren irgendeiner anderen Gemeinde (s. Gal 2, 10; 1 Kor 16, 2 f; 2 Kor 9, 1 f.). Den Zweck dieser Organisation des Lebens der Gläubigen macht der Apostel Paulus klar, indem er an die Korinther schreibt, daß der «Überfluß» der einen den «Mangel» der anderen ausgleichen soll, «damit eine Gleichheit entsteht» (2 Kor 8, 13-14). Mit der Ausdehnung der Gütergemeinschaft auch auf die übrigen Gemeinden (s. 1 Kor 11, 17 f.) und der Einrichtung der «Sammlungen» wurde de facto eine Einheit zwischen den Gemeinden auf gesamt-christlicher Ebene geschaffen, so daß die Kirche in der Welt als ein Weltstaat in Christo erscheint, als eine Weltgemeinde und eine Gemeinschaft in Christo nicht nur des Glaubens, sondern auch einer gemeinsamen Lebensweise, die sich als Liebe äußerte.

Die Kirche beschränkte sich also nicht auf eine fleischlose Geistlichkeit, sondern verband das geistliche Leben (Askese, Sakramente, Erleuchtung des Hl. Geistes) unzertrennlich mit der so-zialen-leiblichen Fürsorge. So zeigt sich die Kirche in ihrer gemeinschaftlichen Organisation als «systematisch zusammengesetztes Ganzes», das sich klar von der Welt, die es umgibt, unterscheidet. Die Kirche blieb - und bleibt in der Personen ihrer Heiligen - eine unabhängige Gemeinschaft in Christo, ohne sich mit den Gewalten und Gruppen der Welt zu identifizieren, mit ihrer eigenen Lebensweise im Hl. Geist und mit dem Bewußtsein ihrer Einzigartigkeit als Gemeinschaft und ihrer Ausschließlichkeit im Angebot der individuellen und gemeinschaftlichen Rettung.

 

6. Bietet die Kirche ein Sozialsystem?

Die Frage entwickelt sich folgendermaßen: Da das Christentum - Orthodoxie - der Welt ihre eigene Gemeinschaft anbietet, hat sie auch ein sozial-politisches System vorzuweisen? Gibt es ein derartiges konkretes christliches «System»?

Es muß wohl zunächst klargestellt werden, daß die Orthodoxie weder ein System ist, noch jemals in die engen Schranken irgendeines Systems eingeengt werden kann. Orthodoxie ist das Leben Gottes in der Welt, der in der Person des Gott-Logos, unseres Herrn Jesus Christus, in die Geschichte eintrat. Daher ist das Leben der Orthodoxie ein Leben im Geist, ein Leben der Freiheit und der Gnade. Es steht dabei völlig außer Zweifel, daß die Erneuerung in Christo die «Verchristlichung» unseres Lebens in allen seinen Dimensionen fordert, damit unser Leben zum Leben Christi - Christusleben wird. Genau das bedeutet auch jenes A-postelwort: «Möget ihr also essen oder trinken oder sonst etwas tuen: Tut alles zur Ehre Gottes» (1 Kor 10, 31). Es ist also ein Ding der Unmöglichkeit für einen Christen, sich geistlich von Christus zu ernähren (z.B. im Glauben, in seinem Kultleben) und auf der Gesellschaftsebene das Heil von den Mächten dieser Welt zu erwarten, und vor allem, wie es oft geschieht, sich unbewußt zu deren «Handlanger» verwandeln zu lassen. Wie kann der orthodoxe Christ in seinem Kultleben bekennen: «Einer ist heilig, einer ist Herr, Jesus Christus», und in seinem gesellschaftspolitischen Leben sich mit den Systemen der Welt arrangieren oder sogar i-dentifizieren? Die größte Tragik der heutigen christlichen Gesellschaft besteht in der Tat darin, den Glauben durch parteipolitische Filter zu passieren, so daß man auch von uns sagen kann, was die Venezianer in den Jahren ihrer Weltherrschaft verkündeten: Primo Veneziani e poi Christiani (zunächst Venezianer und dann Christen)! Zunächst alles andere und dann Orthodoxe! Die Orthodoxie aber fordert, wie wir bereits sagten, das ganze Leben. «Lasset uns einer den anderen und uns selbst und unser ganzes Leben Christus Gott überantworten».

Es ist demnach ganz und gar nicht seltsam, daß die Apostel die Kirche geistlich und sozial im Einklang mit der Offenbarung Christi organisierten. Die erste Kirche von Jerusalem trat in einer jüdischen und heidnisch-römischen Umwelt auf. D.h. sie war von einer weltlichen, einer dem Willen Gottes fremden Gesellschaft umgeben, die von Gesetzen und Lebensregeln - von einem «System» - geleitet und bestimmt war, die der Mensch ohne Christus geschaffen hatte. Die erste Kirche entwickelte ihre eigene Lebensweise, ihre eigene Seinsweise in der Welt, die in der Apostelgeschichte sehr lebendig und klar beschrieben wird (s. Kap. 2, 43 f. und 4, 32 f.). Der Diakon Stephanus wird angeklagt, daß er diese neue Gemeinschaftsstruktur der Kirche seinen Volksgenossen, den Juden, zu übermitteln suche. Die Anklage war, daß er ihre «Gebräuche» ändern wolle (die gesellschaftliche Lebensweise), von denen sie behaupteten, daß Moses sie ihnen gegeben habe (Apg 6,14).

Die erste Kirche schuf kein geschriebenes «System». Sie schenkte der Welt aber die Lebensweise der Christen. Der Geist der Apostel interessiert uns, ihr Wille, daß auch das gesellschaftspolitische Leben der Gläubigen zum Leben in Christo wird. Mit der Erleuchtung des Hl. Geistes steckten die Apostel den Rahmen des gemeinschaftlichen Lebens der Gläubigen ab. Worauf aber stützten sie sich bei dieser Bemühung? Worauf denn anders als auf die Worte Christi? Hat Er etwa nicht die «Bergpredigt» gehalten? Ist diese Predigt etwa nicht die Offenbarung des kirchlichen Ethos, des christlichen Lebens? Die Wahrheit Christi schafft die Voraussetzungen zur Verwirklichung auch unseres gesellschaftspolitischen Lebens. Christus schuf kein «System», sondern Er schenkte die Wahrheit, die auch unser gesellschaftliches Leben im Sinne Christi gestalten kann, damit auch wir in der gesellschaftspolitischen Dimension unseres Lebens «in Christo verbleiben und nicht zu «Sklaven der Menschen» werden.

Es gibt kein «System» christlicher Politik, christlicher Wirtschaft, christlicher Sozialethik. Die Kirche besitzt aber als «Gemeinschaft der Heiligen» die Wahrheit Christi, die eine christliche Politik, eine christliche Wirtschaft und den Aufbau einer christlichen Gesellschafft ermöglicht. Die Wahrheit Christi kann christliche Gesetze hervorbringen, eine christliche Erziehung und christliche wirtschaftliche Beziehungen sicherstellen. Außerdem beziehen sich die heiligen Kanones der Kirche, die mit der Erleuchtung des Hl. Geistes aufgestellt wurden, nicht nur auf den Kult und die Verwaltungsstruktur der Kirche. Sie haben ebenfalls einen klaren gesellschaftspolitischen Charakter. Sie beschäftigen sich auch mit sozialen Problemen: der Familie, der Erziehung, der Arbeit, dem gesellschaftlichen (politischen) Leben. So verurteilen sie die «Politik» der Welt, den Diebstahl und den Bertug, die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung, den Wucher, die Schacherei und viele andere gesellschaftliche Übel. Allein schon die bestehenden gesellschaftlichen Kanones der Kirche reichen aus, den Rahmen des gesellschaftspolitischen Lebens festzulegen, welches die Gläubigen mit der Gnade des Hl. Geistes im Kirchenleib verwirklichen können.

Das Beispiel der ersten christlichen Gemeinde von Jerusalem blieb das Vorbild christlichen Lebens für die Kirche aller Jahrhunderte. Alle großen Väter (Basilius, Chrysostomus u.a.) verweisen die Gläubigen immer auf die Kirche von Jerusalem, damit sie als wirkliche Christen leben können. Johannes Chrysostomus verkündete sogar, daß die Kirche (des 4. Jh.), wenn sie zum anfänglichen Leben von Jerusalem zurückkehre, die Heiden und Gottlosen dieser Welt an sich ziehen würde, so daß diese sich in sie eingliedern würden. Er versprach außerdem: «Wenn Gott mir Leben schenkt, so glaube ich, daß ich euch bald zu einem derartigen gemeinschaftlichen Leben (Lebensweise) führen werde» (P.G. 60, 98).

Die gemeinschaftlich-zönobitische Lebensweise wird in allen Jahrhunderten die echte Form christlicher Existenz in der Welt bleiben. Und diese Lebensweise wird bis heute im klösterlichen Zönobium bewahrt, das das Vorbild der christlichen Gemeinschaft ist und bleibt - (das konsequenteste Zeugnis, heute, eines «vorhandenen» Sozialismus) mit dem gegenseitigen Dienst, der

Besitzlosigkeit - Gütergemeinschaft -, dem Kommunismus der Liebe, wo ein jeder nach seinen Kräften arbeitet und nach seinen Bedürfnissen belohnt wird. So verliert sich auch jeder Verdacht der Ausbeutung und des Mehrgewinns, da nicht der Gewinn, sondern der brüderliche Dienst die Zielsetzung ist.

Im klösterlichen Zönobium, dem authentischen Vorbild christlicher Gemeinschaft, beweist sich feierlich die Tatsache, daß Christus unsere leibliche Dimension nicht abschafft, sondern sie heiligt und des Lebens Seines Leibes würdigt, indem Er sie von der Knechtschaft der Sünde befreit. So wird die Spiritualität in der Orthodoxie klar von der Vergeistlichung, dem Dualismus (Verteufelung des Körpers) der «Tatenlosigkeit» oder jeder Art von «Nirwana» differenziert. Er beschränkt sich nicht nur auf «Gebet» und Kultleben. Christus vereinigte uns als vollständige Personen in Seinem Leib, damit sich unser ganzes Leben in Gebet und Verrehrung verwandelt. Und das geschieht, wenn wir auch die als materiell-leiblich betrachteten Seiten des Lebens in Seine Wahrheit einordnen. Die hesychastische Tradition der Orthodoxie, die die christliche Spiritualität in ihrer Authenzität ist, gibt uns auch hier die richtige Antwort auf unser Problem.

Zunächst einmal wird der Hesychasmus in der Orthodoxie nicht als ein Zustand «theoretischer» Seligkeit und Tatenlosigkeit verstanden. Die Hesychasten ersticken förmlich in der Aktivität. Der Hesychast kämpft darum, die Notwendigkeit und das Teuflische zu überwinden und mit der Befreiung von den Leidenschaften und der Erleuchtung des Hl. Geistes zur Freiheit der Gnade zu gelangen. Der gereinigte Hesychast lebt nicht mehr für sich selbst, er ist durch und durch Liebe.

Das zeigt sich in der Struktur des zönobitischen Klosters. In ihm fehlen nicht die rein materiellen-lebensnotwendigen Tätigkeiten. Auch dort finden wir den Arzt, den Wirtschafter (Verwalter der materieiten Güter), den Schuster, den Bäcker, den Schneider, den Maultiertreiber! In der Bruderschaft des Klosters sind das allerdings keine auf Gewinn abzielenden «Berufe», sondern Dienstangebote, d.h. «Berufe» in ihrem ursprünglichen Sinn. Deswegen sind alle diese Arbeiten nicht nur kein Hindernis für das «ununterbrochene» Gebet, sondern die Arbeiten werden selbst zum Gebet, da sie zur Funktion des kirchlichen Leibes auf der gesellschaftlichen Ebene beitragen und das Mysterium der Liebe vollziehen. Der Mönch betet auch als Schuster, Bäcker oder Maultiertreiber. Die Beschäftigung mit dem Lebensunterhalt verwandelt sich geistlich in «geistige Verehrung» (Rom 12, 1). Das klösterliche Zönobium zeigt uns letzten Endes, wie der gesellschaftspolitische Dienst zur kirchlichen Praxis, zur kirchlichen Liturgie werden kann.

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Kapitel 10 // Kapitel 12

Artikel erstellt am: 31-1-2010.

Letzte Überarbeitung am: 31-1-2010.

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