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Leben im Leibe Christi ( Einführung in die Orthodoxie )
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9. Gottesdienst und Askese
1. Das Wesen des orthodoxen Gottesdienstes
In seiner hochgeschätzten Darstellung über die Orthodoxe Kirche hat Erich Seeberg folgendes betont: «Man kann den Protestantismus als die Kirche der Lehre bezeichnen auf dem Boden des Christentums. Man kann den Katholizismus als die Christiche Religion des Rechts charakterisieren, und man kann schließlich im Orthodoxen Christentum die Religion des Kultes auf dem Bodem des Christentums erblicken». Es ist wahr, daß die Frömmigkeit der Orthodoxen Kirche hauptsächlich liturgisch ist. Obwohl sie nicht allein als eine «Kultgemeinschaft» erscheinen will, bildet der Gottesdienst das Herz und das Wesen ihrer Spriritualität schlechthin. Die Orthodoxe Kirche bleibt in allen Zeiten und all ihren Dimensionen prinzipiell liturgisch, nicht nur weil sie dem liturgischen Geist des christlichen Altertums treu geblieben ist, sondern auch wegen des Platzes, den der Gottesdienst in ihr innehat. In ihrem Gottesdienst findet die Orthodoxe Kirche ihre eigene Existenz.
Das Wort Gottesdienst wird hier als Liturgie oder Kult verstanden, d.h. als die Gesamtheit der von Christus und den Aposteln bzw. den Kirchenväten aller Zeiten angeordneten öffentlichen Gebete und Kulthandlungen. Ist aber der Gottesdienst das Zentrum des orthodoxen Lebens, so ist auch die Eucharistiefeier der Kern und der Höhepunkt des orthodoxen Gottesdienstes. Alle Kulthandlungen, die in der Orthodoxen Kirche stattfinden, schaffen ein Ganzes und konzentrieren sich auf die Eucharistiefeier, die in der Orthodoxen Kirche als der absolute Mittelpunkt der kirchlichen Einheit verstanden wird. Sie schaffen den geistlichen Rahmen der Heiligen Eucharistie. Es gibt also im Leben der Orthodoxen Kirche keine unabhängigen Kulthandlungen, denn sie alle bilden die Einheit, in deren Mitte die Heilige Eucharistie steht. Jedes Gebet bzw. Akolouthie soll als Vorbereitung für die Teilnahme an der Eucharistiefeier verstanden werden.
Der orthodoxe Gottesdienst offenbart das dreifache Mysterium des Lebens: das Mysterium Gottes, das Mysterium des Menschen und das Mysterium der Schöpfung und zugleich ihre wechselseitigen Beziehungen. Dies möchten wir durch eine kurze Analyse des orthodoxen Gottesdienstes verständlich machen. Der Geist des orthodoxen Gottesdienstes wird durch folgende charakteristische Merkmale gekennzeichnet:
a) Der orthodoxe Gottesdienst ist (und will es immer bleiben) Anbetung Gottes «im Geiste und in der Wahrheit» (Jo 4, 24), denn er nimmt mystisch am Leben des göttliches LOGOS teil, wodurch sich das «logische» Ethos des orthodoxen Christen ausdrücken läßt. Wenn die naturhafte Religiosität wie auch das jüdische Ritualgesetz mit seinem Kultus von Paulus als Versklavung des Menschen unter die «Elemente der Welt» (Gal 4, 3) proklamiert wurden, hat der kirchliche Gottesdienst die Befreiung des Menschen, die wahrhafte Erkenntnis Gottes zum Ziel. Im orthodoxen Gottesdienst vereinigt sich die konkrete geschichtliche Wirklichkeit mit innerster pneumatischer Frömmigkeit; er ist eine «logike thysia» (logisches Opfer) (Rom 12, 1).
Die Orthodoxe Kirche setzt den geistigen Gottesdienst fort, den der Heilige Johannes, der Apostel, in der Apokalypse beschreibt (4, 10; 5, 6; 22, 1 usw.). Ihr Zweck ist nicht, den Himmel auf die Erde zu bringen, sondern die Erde zum Himmel werden zu lassen, alles, das Weltliche wie das Irdische, zu heiligen.
Der orthodoxe Gottesdienst ist die Wandlung des Irdischen zum Himmlischen, des Menschlichen zum Göttlichen, des Mate hellen zum Geistlichen und Geistigen durch die lebendigmachende Kraft des Heiligen Geistes. «Ebenso sind das Weihwasser, das Kreuzzeichen, der kirchliche Gesang, die Kultgegenstände, die kirchlichen Gewänder, der Weihrauch und die brennenden Kerzen Symbole im realistischen Sinn des Wortes, d.h. materielle Zeichen für die Gegenwart der geistigen Welt» (VI. Lossky). Die irdische Wirklichkeit wird dadurch keineswegs ignoriert; sie wird aber unter einem anderen Geist verstanden. Denn im orthodoxen Gottesdienst erlebt der orthodoxe Christ das Geheimnis der neuen Zeit, die durch die Menschwerdung Gottes und seinen Sieg über den Tod angefangen hat. Das Geheimnis «des neuen Himmels und der neuen Erde» (Apk 21,1), wo der Tod nicht mehr ist, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr ist; denn das Erste ist vergangen» (Apk 21, 4), wo alles neu gemacht worden ist (21, 5). Unsere ganze Menschlichkeit wird verchristlicht, denn wir «legen alle Sorgen dieser Welt ab, um den König des Alls zu empfangen». Durch den orthodoxen Gottesdienst wird der Dreieinige Gott verherrlicht, wie Er im Himmel von den unsichtbaren Mächten der Engel ständig verherrlicht wird. So hat immer der Schluß der orthodoxen Hymnen einen doxologischen Charakter. Eine Doxologie ist auch der Schluß jeder Litanei: «Denn Dir gebührt alle Herrlichkeit und Ehre und Anbetung...», oder «Denn Dein ist die Macht und Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit...». Die Heilige Liturgie schließt mit dem Troparion: «Der Name des Herrn sei gesegnet von nun an bis in die unendlichen Äonen». Es besteht natürlich immer die Gefahr, daß aus einer von Geist erfüllten Kultusgemeinschaft eine Kultgemeinde entsteht und somit die Kirche zur Volksreligion wird!
b) Der orthodoxe Gottesdienst ist eine Wahrheitspredigt. In ihm wird die dogmatische Lehre der Kirche zum Ausdruck gebracht; denn er beabsichtigt, dem orthodoxen Gläubigen den kirchlichen Glauben bzw. die krichliche Lehre zu übermitteln, da im Mittelpunkt des orthodoxen Lebens immer die Glaubenswahrheit steht. Wo der Glaube (nicht als fleischlose Theorie, sondern als Bejahung der Erlösungstaten Gottes) anwesend ist, da tritt auch die «neue Schöpfung», die neue Welt Gottes, sichtbar in Erscheinung, wie der Herr voraussagte: «Doch nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für jene, die auf ihr Wort hin an mich glauben. Laß sie alle eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so laß sie in uns sein, damit die Welt es glaube, daß du mich gesandt hast» (Jo 17, 20). Im orthodoxen Gottesdienst wird das Handeln des dreieinigen Gottes an den Gläubigen in der Kirche zur Aufrichtung seiner Herrschaft geoffenbart.
Der orthodoxe Gottesdienst ist sehr stark trinitarisch geprägt. Jede Gottesdienstform beginnt mit der Anrufung der Heiligen Trinität. Der Zelebrant proklamiert am Anfang der großen Sakramente: «Gesegnet das Reich des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes...». Deshalb wird der orthodoxe Gottesdienst als Eingang zum «Reich» Gottes betrachtet, das der menschgewordene Sohn Gottes geoffenbart hat.
Nicht aber nur der trinitarische, sondern auch der christologisch-soteriologische Charakter des orthodoxen Gottesdienstes ist offensichtlich. Die Person und das erlösende Werk Jesu Christi haben im orthodoxen Gottesdienst einen besonderen Platz inne. Jede Eucharistiefeier stellt die ganze Heilsgeschichte dar. Das liturgische Jahr wiederholt das irdische Leben Christi von seiner Geburt durch die Gottesgebärerin bis zu seiner Himmelfahrt und der Herabsendung des heiligen Geistes. Die Vesper zeigt die Vorbereitung des Alten Testaments zur Aufnahme Jesu, während der Orthos (Matutin) die Gläubigen auf das Erlebnis der Menschwerdung des göttlichen Logos einstimmt. Im orthodoxen Gottesdienst ist Christus der Herr der Welt und der Kirche, der die Welt im Heiligen Geist vom Bösen erlöst. Seit der apostolischen Zeit manifestiert die Orthodoxe Kirche durch ihren Gottesdienst die lebendige Anwesenheit des auferstandenen Herrn und macht seine Herrlichkeit in Zeichen und Wundern gegenwärtig.
Es geht um keine psychologische oder historische Erinnerung des göttlichen Logos, wie man sie beim Studium der Geschichte gewinnen kann, sondern um die wahre Begegnung mit dem ewig Anwesenden und dem zugleich uns mit unseren Brüdern und Schwestern und der ganzen Schöpfung vereinigenden Sohn Gottes. Der Christozentrismus des orthodoxen Gottesdienstes wird aber nicht dadurch ausgedrückt, daß wir uns an Jesus erinnern; er erscheint vielmehr in der Vergegenwärtigung des Lebens der Heiligen Gestalten der Kirche, die sich im Gottensdienst als lebendiges Evanngelium zeigen, und somit bezeugen, daß das Evangelium kein Mythos ist, sondern die Wahrheit, in der die Welt erlöst werden kann. Deswegen ist jeder Tag der Woche einem oder mehreren Heiligen geweiht. Außerdem bildet die Woche einen Kreis für sich, in dem die Gemeinschaft der Kirche auf Erden ihren lebendigen Kontakt mit bestimmten Heiligen zum Ausdruck bringt: Sonntag = Auferstehungstag; Montag = Tag der Engel; Dienstag = Tag der Mutter Gottes und Johannes des Täufers; Mittwoch und Freitag = Tage des Leidens Christi; Donnerstag = Tag der Apostel; Samstag = Tag der heiligen Märtyrer und der Vestorbenen. Darüber hinaus wird durch die orthodoxe Hymnendichtung der Glaube vertieft und interpretiert.
c) Der Gottesdienst ist für die Orthodoxen ein einzigartiges und sicheres Mittel zur Verwirklichung der Gemeinschaft mit Gott dem Vater durch seinen Sohn im Heiligen Geist. Durch den Gottesdienst und in ihm verwirklicht der orthodoxe Christ seine Begegnung mit Gott, indem er an Christus teilnimmt. Der orthodoxe Christ wird von einem Eros zu Jesus Christus beherrscht. Es geht um keinen ungesunden Mystizismus, sondern um jene erlösende Liebe zu Christus, die schon bei Paulus und Ignatius von Antiochien zu finden ist. Nicht nur der Einzelne, sondern auch die ganze kirchliche Gemeinschaft lebt in diesem Klima. Im Gottesdienst wird der Leib Christi in der Welt verwirklicht in der Vereinigung der Menschen mit Gott und miteinander, und zwar nicht nur der Lebenden, sondern auch der Verstorbenen; denn das ganze Leben der Kirche «wird durch Christus Gott befohlen». Dieses Klima der Orthodoxen Kirche wird in der Struktur des Versammlungsgebäudes zum Ausdruck gebracht. Das Dach ist das Firmament, aus dessen Mitte der Herr auf den lebenden, sichtbaren Teil seiner Kirche herabsieht. An den Wänden ist der unsichtbare Teil der Kirche abgebildet. Zwischen dem Firmament bzw. dem Himmel und der Erde nimmt die durch die Menschwerdung ihres Sohnes zur «Vermittlerin» gewordene Gottesmutter Platz. Die sichtbare Kirche befindet sich auf der Erde bzw. auf dem Boden und ist immer nach Osten gerichtet, woher sie das Licht von der Sonne der Gerechtigkeit entgegennimmt.
d) Mit dem geistigen Charakter des orthodoxen Gottesdienstes ist das eschatologische Element sehr stark verbunden. Diese Verbindung der historischen und eschatologischen Dimension der Orthodoxen Kirche zeigt die Anamnese der heiligen Eucharistie am besten: «Eingedenk also dieses erlösenden Gebotes und all dessen, was für uns geschehen ist; des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Auffahrt in die Himmel, des Sitzens zur Rechten und der zweiten, neuen Ankunft in Herrlichkeit, bringen wir Dir das Deine vom Deinigen dar...» Die Orthodoxe Kirche lebt in ihrem Gottesdienst die Erfahrung der Eschatologie, die Erfahrung der ewigen Anwesenheit Gottes. Gott ist für die Orthodoxe Kirche nicht nur der immer Seinde oder der für uns Gewesene, sondern vielmehr der zu uns ununterbrochen im Gottesdienst Kommende, der «Erchomenos», der Allherscher. Der orthodoxe Gottesdienst entwickelt sich in seinen eigenen Dimensionen, in der liturgischen Zeit und im liturgischen Raum, denn er formt die kosmologische Zeit und den Weltraum um in neue, geistige Größen durch die verklärende Gnade des Heiligen Geistes.
Der zentrale Moment in der Eucharistie der Orthodoxen Kirche ist die Epiklese, die Anrufung des Heiligen Geistes. Der ganze orthodoxe Gottesdienst und durch ihn das ganze orthodoxe Leben ist eine ständige Epiklese des Dreieinigen Gottes. So bewegt sich der orthodoxe Gottesdienst von der historischen Vergangenheit der Heiligen Ökonomie (Heilsgeschichte) auf die durch die Auferstehung Christi gesicherte Zukunft hin. Die Epiklese des Heiligen Geistes in der Liturgie zeigt den konkreten Moment der Ewigkeit, der in der Zeit anwesend ist, damit die Geschichte mit der Endzeit in Verbindung steht.
e) Von Anfang an war der christliche Gottesdienst in erster Linie der Akt der Gemeinde bzw. Kirche (leitourgia = leitouA/olks + ergon/Werk), dem in zweiter Linie der Akt des Einzelnen folgte. Das Tun der Gemeinde, als gemeinschaftliches Tun, als Koinonia = communio sanctorum, ist die Voraussetzung für die Heiligung des Einzelnen, weil der Einzelne sich zur Gebetszeit oder zur Brotbrechung nicht einfach einfindet, um sich zu heiligen, sondern um sich in der Gemeinde und als Glied der Gemeinde zu heiligen. Eine Art individueller Frömmigkeit zuungunsten der Gemeindefrömmigkeit bleibt der Orthodoxen Kirche fremd. Der westliche Christ kniet und betet beim Eintreten in die Kirche. Der orthodoxe Christ zündet eine Kerze vor den Ikonen der Heiligen an. Er grüßt damit die Heiligen und erklärt seine Teilnahme an ihrer lebendigen Anwesenheit in dem Gottesdienst, in welchem sie in den Leib Jesu Christi eingegliedert sind. Der Einzelne kann nur als Glied der kirchlichen Gemeinschaft zur Geltung kommen. Das Wort der Heiligen Schrift: «Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei» (Gen 2, 18), wird im orthodoxen Gottesdienst besonders stark spürbar. Die Gemeinschaft mit Gott setzt die Gemeinschaft mit den Mitgläubigen voraus, denn die Kirche ist die einzige Gemeinschaft, in der die menschliche Persönlichkeit sich in ihrer echten Umgebung befinden kann. In der Communio des orthodoxen Gottesdienstes vollzieht sich die echte Begegnung mit den Anderen als Personencommunio in Liebe, Demut und gegenseitigem Opfer. So kann der Andere = der Nächste für die Selbstverwirklichung seines orthodoxen Mitbruders eine erlösende Rolle spielen. Aus dieser Tatsache wirde folgende doppelte Wirklichkeit begreifbar:
daß jede individualistische Tendenz im Leben der Orthodoxen Kirche keinen Platz finden kann;
daß eine «individuelle Messe» im Bereich des orthodoxen Gottesdienstes völlig unvorstellbar ist.
Die Gemeinschaft der Gläubigen, für die die Orthodoxen in ihren Liturgien beten, entspricht der Katholizität der Kirche. Sie erstreckt sich auf die Welt (horizontal), auf die Zeiten (vertikal) und auf den Bereich der Ganzheit der Wahrheit (katholisch). Deshalb sagt ein Hymnus der Parakletike, daß im Gottesdienst «eine Herde von Menschen und Engeln geworden ist und ein Reich». Oder, wie der bekannte Theologe des 14. Jahrhunderts Nikolaus Kabassilas gesagt hat: «Derjenige, der den kirchlichen Gottesdienst als Gottvereinigung und Teilnahme am Leben des Leibes Christi betrachten kann, der kann auch die Kirche als Leib Christi ansehen». Das sind die wichtigsten Merkmale des orthodoxen Gottesdienstes. Man könnte natürlich hier noch weitere Elemente erwähnen, welche wesentlich zum orthodoxen Gottesdienst gehören, wie z.B.:
Sein biblischer Charakter: Die Heilige Schrift bleibt immer die Hauptquelle des orthodoxen Gottesdienstes. Die ganze Schrift wird während des liturgischen Jahres vorgetragen. Die Predigt, ein besonderer Teil des orthodoxen Gottesdienstes, ist immer auf die Heilige Schrift bezogen. Auch die orthodoxe Hymnographie ist sehr stark biblisch.
Sein geistlicher Charakter: Der Kult im orthodoxen Christentum vollzieht sich grundsätzlich offiziell in den Kirchenversammlungen unter der Leitung der Geistlichen. Das Weiheprie-stertum bildet ein wesentliches Element der Orthodoxen Kirche, obwohl sie keineswegs das allgemeine Priestertum der Gläubigen unterschätzt. Eine Gebetsversammlung ohne Priester bleibt eine Gläubigenversammlung, sie ist kein kirchlicher Gottesdienst.
h) Sein enthusiastischer Charakter: Immer war die Liturgie eine Stärkung für die Märtyrer und Bekenner der Kirche in der Zeit der Verfolgungen. Das gilt auch heute noch für unsere Kirche, die nie aufgehört hat, in allen Ländern der Erde eine bekennende Kirche, eine Kirche der Märtyrer zu sein.
i) Sein traditioneller Charakter: Der orthodoxe Gottesdienst will immer urchristlich und alt-katholisch bleiben. Inhalt, Ideen, Hauptformen und Einheit der Kirche sind von den Anfängen des Christentums bis heute zusammengewachsen und werden von dem kirchlichen Pleroma respektiert. Natürlich besteht der traditionelle Charakter des orthodoxen Gottesdienstes nicht nur darin, daß er alte Formen besonders im Bereich der Sprache und Musik bewahrt hat denn er hat auch viele neue Elemente aufgenommen -; er besteht vielmehr darin, daß alle (echten) neuen Elemente des orthodoxen Gottesdienstes des gleichen Wesens mit den altkirchlichen Formen sind.
2. Orthodoxer Gottesdienst und Leben in der Welt
Der orthodoxe Gottesdienst hat eine starke gemeinschaftliche Dimension, da er sich eng auf das Leben des Menschen in der Welt bezieht. Der orthodoxe Gottesdienst will «das ganze Leben umspannen und darauf hinweisen, daß Gottes Liebe und Kraft in allem lebendigen Sein und Geschehen lebendig sind». Ein Gottesdienst natürlich, der sich nicht den Aufgaben der Gegenwart stellt und nicht auf die Probleme der Welt eingeht, würde dem Evangelium nicht gerecht werden. Der orthodoxe Gottesdienst bezeugt und lebt davon, daß Gott für die ganze Welt da ist. Der orthodoxe Gottesdienst will ein Zeichen in dieser Welt sein, ein Zeichen für Christi Gegenwart, eine Sicherheit dafür, daß es in Christus tatsachlich Hoffnung, Gemeinschaft und Freiheit gibt.
Das Leben des orthodoxen Christen ist zumindest bei den Heiligen die normale Fortsetzung des kirchlichen Gottesdienstes. Der Kult der Orthodoxen Kirche besitzt Leben, weil er Leben im
Geist ist. Auf der anderen Seite ist das orthodoxe Leben liturgisch und trinitarisch orientiert. Der orthodoxe Christ ist fest davon überzeugt, daß sein Gottesdienst ein Teil seines Glaubens, ein Teil also der geoffenbarten Wahrheit ist. Dieser Glaube schafft in ihm die Sicherheit der wirklichen Gegenwart Christi im Gottesdienst seiner Kirche. Wo dieser Glaube fehlt, ist keine Vereinigung mit Christus im Gottesdienst möglich. Wenn aber unser Kult ohne Christus ist, dann kann auch unser Leben nicht mit Christus oder christozentrisch sein. Der orthodoxe Gottesdienst ist die Quelle des orthodoxen Lebens, das aus ihm wie ein geistlicher Fluß in die Welt fließt. Ist der Gottesdienst echt, dann ist auch unser Leben zum Christusleben verwandelt. Die Vereinigung des Gläubigen mit Christus im Gottesdienst bestimmt sein Leben in der Gesellschaft. Da der orthodoxe Gottesdienst das Herz des orthodoxen Lebens ist, bestimmt er auch das orthodoxe Ethos.
Das bezieht sich natürlich keineswegs auf eine äußere Orthodoxie, sondern auf die innere christliche Grundeinstellung, die innere Orthodoxie, wenn man es so ausdrücken darf. Es ist möglich, daß jemand wirklich christlich glaubt, auch wenn er noch nicht alle Glaubensformulierungen kennt, wenn er nur die innere christliche Grundeinstellung gegenüber dem Heilswirken Gottes einnimmt. Diese ist also die Voraussetzung für die Christlichkeit jeder äußeren Orthodoxie. Diese Tatsache hat die griechische Kirche während der Türkenherrschaft (1453-1821) erlebt, in einer Zeit, in der die innere Orthodoxie die fehlende äußere Ausbildung beim Volk ersetzen konnte. Das orthodoxe Ethos wächst mit der orthodoxen Existenz zusammen, die jedoch im Gottesdienst Gestalt annimmt. Fehlt aber die innere christliche Grundeinstellung, dann ist die äußere Orthodoxie nur ein christliches Kleid, unter dem sich viele andersartige Vorstellungen bzw. Irrlehren verbergen können. Deswegen sprechen wir vom orthodoxen Ethos bzw. Gesinnung. Es ist keine Paradoxie, wenn wir behaupten, daß der einfache Gläubige echter orthodox sein kann als ein Theologieprofessor oder der Priester selbst! Der Kult, besonders in älteren Zeiten oder heute noch in Dörfern und Klöstern, wo er am tiefsten in die Herzen der einfachen Menschen dringt, schafft erst das entsprechende Bewußtsein. Für den Orthodoxen ist der Glaube keine Sache der Logik, er ist als Mysterium mit seiner ganzen Existenz verbunden. Er lebt dauernd im Bereich des Wunders, in einer übernatürlichen Wirklichkeit. Im orthodoxen Gottesdienst wird der Gläubige ermahnt, sein ganzes Leben unter die Führung des Herrn zu stellen und sich vom Glauben leiten zu lassen. Es besteht also ein inniger Zusammenhang zwischen dem Gottesdienst und dem Dogma, das die Kirche bekennt, und den geistlichen Früchten, die sie hervorbringen; denn die innere Erfahrung eines Christen verwirklicht sich in dem durch die Unterweisung der Kirche gezogenen Kreis im Rahmen des Kultes, der seine Persönlichkeit bildet. Wie VI. Lossky sagt: «Man wird niemals eine Spiritualität verstehen, wenn man das Dogma, das ihr zugrunde liegt, nicht berücksichtigt. Man muß hier die Dinge nehmen, wie sie sind, und den Unterschied zwischen der östlichen und westlichen Spiritualität nicht durch ethnologische oder kulturelle Ursachen zu erklären suchen, wenn eine viel wesentlichere, eine dogmatische Ursache vorliegt».
Der orthodoxe Gottesdienst führt weiterhin zu einer ekklesiologischen Kosmologie, zu einer liturgischen Betrachtung der Welt und der Gesellschaft. «Der Kult im orthodoxen Christentum geht von der Gemeinschaft Kirche aus, welche in ihm als Subjekt und als Objekt zugleich auftritt. Der Einzelne kann nur als Glied dieser Gemeinschaft zur Geltung kommen. Denn eine Gemeinschaft mit Gott enthält die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern in sich, so daß der einzelne objektiv nicht allein auftreten kann» (B. Exarchos). Das endgültige Ziel des orthodoxen Gottesdienstes ist die Rückkehr der Welt zur Gemeinschaft der Kirche, damit die Welt zur richtigen Beziehung mit Gott zurückkehren kann. Dieser soteriologische Akt des Kosmos kann nicht geschehen, wenn wir nicht zuerst die richtige Einstellung zur Welt wiedergewinnen. Denn es ist bekannt, daß der heutige technologische Mensch keine echte Berührung mehr mit der Kreatur bzw. der Schöpfung hat. Er sieht das eigene Wohl in der Ausbeutung der Natur (vgl. Die Umweltverschmutzung). Der orthodoxe Gottesdienst aber lehrt die Gläubigen, daß die Welt und ihre Ordnung Schöpfung Gottes ist, die durch die erlösende ungeschaffenene Gnade Gottes zur Wiedergeburt in Christus geführt werden müsse. Durch den orthodoxen Gottesdienst wird dem Gläubigen wieder der Blick für das eigentliche Wesen des Kosmos als Schöfpung Gottes freigegeben. So kann die Kreatur im orthodoxen Gottesdienst ihre richtigen Dimensionen finden. Sie wird als Geschenk Gottes an die Menschen verstanden. Die sozialen Systeme also, die entweder die Ausbeutung des Menschen und der Natur anerkennen oder über eine Gerechtigkeit ohne Gott sprechen, können im Bereich der Orthodoxie keinen Platz finden. Die Natur wird durch die Liturgie in der Gestalt von Brot und Wein als Opfer der Menschheit Gott, dem Schöpfer und Vater, dargebracht. Damit wird die materielle Welt «in den Gehorsam gegen Christus» (2 Kor 10, 5) erhoben. Daher segnet die Orthodoxie die ganze Schöpfung und die Welt mit ihren sozialen Ordnungen.
Aus den obigen Ausführungen geht klar hervor, daß der orthodoxe Gottesdienst dazu dient, eine rettende und endgültige Antwort auf die existentiellen Fragen des Menschen zu geben. Er versucht, das Chaos und die Tragik unserer sich in einer sehr kritischen Lage befindenden Gesellschaft in Ordnung und Harmonie umzuwandeln. Die Orthodoxe Kirche will durch ihren Gottesdienst den Menschen und die Welt wieder zu ihrer ursprünglichen harmonischen Einheit führen. So wird die «recapitulatio» in Christus, von der der Heilige Irinäus von Lyon spricht (antiquam pla-smationem in se = Christus = recapitulans), verwirklicht. Das ganze Universum ist von Gott berufen, Kirche Christi zu werden.
Nach all diesen Ausführungen können wir etwas präziser das Ziel des orthodoxen Gottesdienstes bestimmen. Es liegt darin, den einzelnen Menschen vorzubereiten, damit er in die Gemeinschaft der Gläubigen, d.h. in den despotischen Leib (Leib des Herrn), eingegliedert wird, um auch auf Erden zusammen mit den anderen Gliedern der Kirche das Leben Christi und die Einheit des Dreieinigen Gottes verwirklichen zu können.
3. Der asketische Charakter des christlichen Lebens
Aus der obigen Bewertung des orthodoxen Gottesdienstes ist klar geworden, daß er beabsichtigt, das menschliche Leben zur «kosmischen Liturgie» (nach Maximus dem Bekenner) zu machen. Er versucht, unser Leben in der Welt zur organischen Fortsetzung des Gottesdienstes werden zu lassen. Dieser Prozeß a-ber muß durch die Askese verwirklicht werden. Unter Askese ist das orthodoxe Ethos zu verstehen, nämlich die Enthaltsamkeit im engeren Sinn, sowie die Anwendung verschiedener Übungen zum Zweck der Vervollkommnung des Christen.
Sehr oft wird die Askese mit Mönchen und Asketen in Verbindung gebracht. Sie soll jedoch nicht nur als eine Sache derjenigen, die sich in die Einsamkeit der Wüste flüchten, verstanden werden, sondern als die notwendige Lebensweise eines jeden Christen. Die Worte des Herrn: Ihr sollt vollkommen werden (nicht sein!), die zuallererst die Askese als einen Prozeß bezeichnen, gehen alle Christen an, nicht nur die Mönche. Zu allen Zeiten wird der Mensch durch die Kirche aufgerufen, das Christusleben für sich anzunehmen und zu leben. Dieses Leben hat nichts mit dem Leben der üblichen Welt gemeinsam. Der Christ setzt das Leben Jesu, den die Welt gesehen hat «als ein Zeichen, dem widersprochen wird» (Lk 2, 34), in der Welt fort. Das Evangelium Christi ist an alle Menschen gerichtet. Ein Beweis dafür ist die außerordentlich reiche orthodoxe Hagiographie, die neben den Mönchen auch von einfachen Laien zu berichten weiß, die mitten in der Welt und im Ehestand die geistliche Vollkommenheit erlangten.
Der große Denker und Theologe P. Evdokimov sagte, daß jeder Christ mutatis mutandis in seinem Kampf in der Welt Asket ist. Es gibt keine zwei Frömmigkeiten in der Orthodoxen Kirche. Die orthodoxe Spiritualität als Christusleben ist eine, weil Christus, «unser Leben» (Kol 3, 3), einer ist. Obwohl es aber nur eine orthodoxe Frömmigkeit gibt, kann diese nach dem pluralistischen Geist der Orthodoxie auf vielen Ebenen verwirklicht werden. «Einer ist der Weg der Tugenden sagte der Heilige Gregor der Theologe .obwohl er in vielen Richtungen geteilt ist». Die Einstellung von Martha wie auch die von Maria Christus gegenüber finden beide in der Orthodoxen Kirche ihre richtige Bewertung.
Die asketische Betrachtung des Lebens und der Welt in der Orthodoxie setzt die eschatologische Dimension des kirchlichen Lebens voraus. Alle Stufen des asketischen Lebens werden eschatologisch verstanden, weil nach dem Wort Christi «die Pforte eng und der Weg schmal ist, der zum Leben hinführt» (Mt 7,14). «Die Welt, die unter der Tyrannei des Teufels stöhnt, ist ein Kampfplatz, und die Zeit unseres Lebens ist eine Zeit des Ringens», sagt der Heilige Isaak der Syrer. Christus hat uns durch seine Menschwerdung und die Gründung seiner Kirche in der Welt die Möglichkeit gegeben, die Welt wie Er selbst zu sehen und anzunehmen. Das Stehen des Menschen aber vor Gottes Antlitz muß zur ständigen, bewußten Haltung werden. Dies ist durch die Askese möglich. Diese Tatsache ist aber auch aus unserer Natur zu verstehen:
Unsere Natur ist durch das objektiv vollzogene Heilswerk Christi geheiligt und gerettet; wir müssen aber auch in unserer Person zur Vereinigung mit Gott gelangen. Dazu dient unsere Askese. Der Weg der Askese ist die notwendige Vorbereitung unserer Natur zur Vereinigung mit Gott. Als Weg der Reue und der Rückkehr zu Gott kann unsere Askese nur durch Mühe und Anstrengung geschehen. Eine Verabsolutierung der Askese findet im Leben der Orthodoxen Kirche keinen Platz. Sie bleibt immer ein Weg und zwar als Christusleben, das zu Christus-Gott führt. Der Heilige Seraphim von Sarov betonte diesbezüglich: «Gebet, Fasten, Nachtwachen und alle übrigen Frömmigkeitsübungen sind keineswegs, so gut sie auch sein mögen, das Ziel unseres christlichen Lebens: sie sind nur die unabdingbaren Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, denn das wahre Ziel des christlichen Lebens ist es, den Heiligen Geist zu erwerben»... Die orientalische Tradition kennt den Begriff des Verdienstes nicht. Die Askese wird zum Trennpunkt zwischen dem Leben des neuen Israels und der weit von Gott stehenden Welt. Wo die Orthodoxie heute abgelehnt wird, ist es meist ihr asketisches Ethos, das der technologische Mensch unserer Zeit nicht annehmen will. Wenn man also von Askese spricht, denkt man an die Ontologie des christlichen Ethos. Ist der Glaube das Was der orthodoxen Frömmigkeit, so ist die Askese ihr Wie. VI. Lossky schrieb dazu: «Die Vergöttlichung der Geschöpfe wird erst im künftigen Äon, nach der Auferstehung der Toten ihre Vollendung finden. Dennoch muß diese vergöttlichende Vereinigung schon hienieden beginnen, indem sie die verderbliche und verderbte Natur umwandelt und auf das ewige Leben vorbereitet. Wenn Gott uns in der Kirche alle objektiven Bedingungen, alle Mittel gegeben hat, um dieses Ziel zu erreichen, so müssen wir nun unsererseits die notwendigen subjektiven Bedingungen erfüllen, denn die Vereinigung vollzieht sich in der «Synergie», im Zusammenwirken des Menschen mit Gott. Diese subjektive Seite der Gottvereinigung charakterisiert den Weg der Einigung, der nichts anderes ist als das christliche Leben». Das christliche Leben ist der Weg der A-skese schlechthin.
Manche glauben, die Askese sei die Zerstörung der menschlichen Freiheit. Paradoxerweise ist die Askese eben dies nicht. Im Gegenteil, die menschliche Freiheit setzt die Askese voraus, da die Askese die Erfüllung des göttlichen Willens ist. Denn eine Freiheit die nicht frei ist, den Willen Gottes zu erfüllen, ist keine Freiheit. Der Christ kennt nur eine Freiheit, nämlich diejenige, die aus dem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes hervorgeht, die dem Freiheitsgesetz Christi entspricht, zu dem alle Menschen berufen sind. Manche glauben auch, die Askese sei Verachtung des Leibes und der Materie. Aber auch das trifft nicht zu. Solche Tendenzen kann man bei nichtchristlichen Religionen finden, in der Orthodoxie jedoch nicht. Die christliche Askese ist die authentische Einstellung des Menschen gegenüber der Weltlichkeit und der Menschlichkeit in ihrem Zusammenhang mit der Sünde und dem Verderben. Gott hat diese konkrete, unsere Welt geliebt. Der Christ hat gelernt, die Welt mit der Liebe Gottes zu lieben. Jesus Christus hat durch seine Menschwerdung den ganzen Menschen angenommen, also Seele und Leib, damit der ganze Mensch in ihm gerettet wird. «Was er nicht genommen hätte, könnte nicht erlöst (und geheilt) werden»; hat der Heilige Gregor der Theologe gesagt. In seinem Leib hat Christus die ganze Welt angenommen, denn es gibt eine Einheit in der Natur, von der die östlichen Kirchenväter gesprochen haben. So ist der Kosmos ein für allemal in Christus gerettet worden. Er muß aber in jeder Zeit durch die Kirche in Christus und im Geist geheiligt werden. Wenn die Christen nicht «Christus angehören» (Gal 5, 24), wenn wir nicht «das Bild des Himmlischen getragen haben» (1 Kor 15, 49), tragen wir nicht zur Heiligung der Welt bei. In diesem Sinn kämpft der Christ um die Verklärung der Welt durch Christus. Er strebt danach, daß sein Fleisch zum Fleisch Christi wird, damit auch die Schöpfung zur «neuen Schöpfung» (Gal 6, 15) werden kann. «Denn die Sehnsucht des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit der Söhne Gottes. Denn der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht feiwillig, sondern um dessen willen, der es ihr unterwarf; auf die Hoffnung hin, daß auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Rom 8,19-21). Als der Heilige Isaak der Syrer bemerkte, daß der Zweig eines Baumes abgebrochen wurde, weinte er bitterlich, weil ein Geschöpf Gottes zerstört wurde! In diesem Bewußtsein der Einheit des Kosmos in Gott und Christus lebt der Christ. Seine asketische Haltung gegenüber dem Kosmos wird die Ausbeutung der Natur durch den Menschen beenden, damit der Kosmos in Christus und in uns verherrlicht wird. Die orthodoxe Askese ist also nichts anderes als die Frucht des kosmologischen Verständnisses und des eschatologischen Bewußtseins der Orthodoxen Kirche.
Wenn aber das Leben jedes Christen asketisch orientiert ist, wie ist dann das Leben der eigentlichen Asketen bzw. Mönche zu verstehen? Wir haben schon gesagt, daß die Frömmigkeit des Christen in der Welt mit jener der Mönche wesentlich gemeinsame Züge hat! Sie kann aber auch einige Unterschiede aufweisen. Beides sind Gaben ein und desselben Geistes, der in der Kirche alle Glieder des einen Leibes Christi in ihren jeweils verschiedenen Funktionen erfüllt, der neues Leben, Blühen und Fruchttragen hervorbringt in vielerlei Berufungen, die jedoch auch das Werk des einen Geistes sind (vgl. Gal 5, 22 ff.). Nach dem Heiligen Johannes Klimakos «bedeutet Mönchsein die ständige Beherrschung der Natur und ständige Bewachung seiner Sinne» (P.G. 88, 634 C). Er fragt weiter: «Wer ist der getreue und weise Mönch? Wer seinen Eifer bis zum Ende bewahrt, wer bis zu seinem Tod nicht abläßt, Feuer an Feuer, Glut an Glut, Eifer an Eifer, Sehnsucht an Sehnsucht zu fügen» (P.G. 88, 644 A). Wenn das Christentum eine ständige Revolution in der Welt ist, so ist das Mönchtum die revolutionäre Standhaftigkeit im Kampf der Kirche gegen den Säkularisierungsprozeß des christlichen Lebens. Das Mönchtum ist der Exodus der Kirche aus dem Lager der Welt (Hebr 13, 11), die Verneinung der Kirche, dem Cäsar zu geben, was Gott gehört. Das Mönchtum ist also das heilige «Mehr» der christlichen Askese, der «köstlichere Weg» (1 Kor 12, 31). Es wird von den Kirchenvätern als «besserer Weg» oder als «Kosmos (Schmuck) der Kirche» bezeichnet. Obwohl alle Christen dazu berufen sind, «mit Gewalt das Reich Gottes an sich zu reißen» (Mt 11,12), d.h. ihre Menschlichkeit zu zwingen, den Willen Gottes zu tun, tun das die Mönche in einer konsequenteren Weise, durch strengere Askese. Alle streben das gleiche Ziel an, die Mönche versuchen es nur mit konsenquenz. Die Mönche wollen ganz bewußt die «letzte Stunde» leben. Das Leben des Mönches ist das Verlassen der gegenwärtigen Welt, um sich ganz der kommenden zuzuwenden, ein beständiges Sichlösen, um ganz frei zu werden für die Begegnung mit Christus. Der Asket lebt schon in dieser Welt im Bereich der Ewigkeit und hilft seinen Mitmenschen, die Welt unter der Perspektive der Ewigkeit zu sehen. Das Mönchtum ist die wichtigste der Formen, die das geistliche Leben der Orthodoxie kennt.
4. Orthodoxe Askese und liturgisches Leben
a) Die Zusammengehörigkeit von Gottesdienst und Askese
In diesem Zusammenhang wird die Zusammengehörigkeit von Gottesdienst und Askese deutlich. «Um die Vereinigung mit Gott zu erreichen», schreibt Lossky, «so wie sie hienieden verwirklicht werden kann, bedarf es einer ununterbrochenen Anstrengung, oder richtiger, einer ständigen Wachsamkeit, damit die Unversehrtheit des inneren Menschen, die Einheit von Herz und Geist um einen Ausdruck der orthodoxen Askese zu gebrauchen -allen Angriffen des Feindes, allen unkontrollierten Bewegungen der gefallenen Natur widerstehe. Die menschliche Natur muß gewandelt, muß mehr und mehr durch die Gnade verklärt und auf den Weg der Heiligung geführt werden, der nicht nur geistliche, sondern auch leibliche und dadurch kosmische Bedeutung hat». Dies ist das Grundgesetz jeder Askese: der Mensch muß freiwillig auf den eigenen Willen, auf das Zerrbild der individuellen Freiheit verzichten, um die wahre Freiheit, die Freiheit der Person zu finden, die das jeweils nur einer Person angehörende Bild Gottes ist.
Die Askese will durch ununterbrochenes Gebet, Demut, Leidenschaftslosigkeit, Fasten und Gottesdienst das Leben zum «heiligen, Gott wohlgefälligen Opfer» (Rom 12,1) verwandeln. Sie sucht, unserem Leben zu seinem schönsten Ausdruck zu verhelfen, indem es seine Echtheit und Authentizität erreicht. Dieser ganze Vorgang aber wird im Gottesdienst vollzogen und dem Menschen als Gnade und Geschenk vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist zugesprochen. In der Orthodoxen Kirche unterscheidet man zwischen asketischem Gebet und liturgischem Gebet. Im Gebet begegnet man Gott persönlich, d.h. man erkennt und liebt Ihn. Eine echte Begegnung mit Gott ist jedoch außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, nämlich des Leibes Christi, nicht möglich, denn es gibt kein individuelles Christentum. Nach dem Heiligen Symeon dem neuen Theologen ist nicht die mystische Ekstase das Ziel des Christen. Sein Ziel ist «die ständige Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit». Das Gebet ist also nicht bloß als reine Technik, sondern vielmehr als richtige Einstellung des Menschen zu Gott und den Mitmenschen zu verstehen. Die Askese versucht, den Christen ständig in diesem Zustand zu bewahren. In diesem Sinn ist die Askese der Versuch des Menschen, den Gottesdienst in seinem Leben fortzusetzen. Die Askese gewährleistet die Bewahrung der neuen Natur, die der Mensch durch die Taufe angezogen hat. Die Taufe ist die «Wiederherstellung des Menschen zur alten Schönheit». Durch die Askese versucht der Christ, diese Schönheit zu bewahren. In dieser Weise können wir die Beziehung zwischen Askese und Gottesdienst verstehen. Der Gottesdienst führt zur Askese bzw. zum christlichen Leben, während die Askese im Gottesdienst vollendet wird. So gesehen ist der Gottesdienst der Höhepunkt des asketischen Lebens, die Möglichkeit des durch die Askese gereinigten Menschen, sich mit Christus zu vereinigen. Ist die Liturgie bzw. der Gottesdienst die Verwirklichung der göttlichen Gemeinschaft, so ist die Askese unsere Selbstverwirklichung, die durch die Katholizität unseres Ethos zur göttlichen Gemeinschaft führt.
Darüber hinaus sind Askese und Gottesdienst durch die Ka-tholizität ihrer Dimensionen verbunden. Der Gottesdienst will unser ganzes Leben christlich werden lassen; die Askese ihrerseits strebt danach, daß dieses unser Leben in all seinen Dimensionen für Christus gelebt wird. Der Gottesdienst also ist der Eingang zur Herrlichkeit Gottes, während die Askese der Weg ist, der zu diesem Eingang führt. Der Gottesdienst bestimmt das Ziel des orthodoxen Lebens, während die Askese uns hilft, dieses Ziel zu erreichen. Die Liturgie der Orthodoxen Kirche zeigt uns die Dringlichkeit, die trinitarische und christologische Dimension der Kirche wiederzufinden. Das wird durch die Sakramente und die Verkirchlichung unserer Gesellschaft ermöglicht. Nicht zufällig haben unsere Kirchenväter die Kirche als «neues Paradies» bezeichnet. Im alten Paradies bestand eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen. Diese Tatsche kann mit dem Gottesdienst verglichen werden, weil das Leben des Menschen im Paradies den .Charakter eines ununterbrochenen Gottesdienstes hatte, wie das Leben der Engel im Himmel (s. Jes 6, 1 ff.). Der Mensch sollte aber das Paradies «bebauen und bewahren» (Gen 2,15). Er mußte also eine bestimmte Tätigkeit ausüben, um nicht von Gott getrennt zu werden. Das war die Askese, die auch im zweiten Paradies, in der Kirche, die Gemeinschaft des Menschen mit Gott bewahrt, so daß ihn nichts «von der Liebe Christi scheiden kann» (Rom 8, 35). Schließlich könnten wir sagen: die Askese ist der Kampf des Christen, das Ethos Christi (chrestoetheia nach Ignaz von Antiochien) zu erlangen und liturgisch sein ganzes Leben zu ordnen, damit er das Leben Christi fortsetzen kann und die ganze Welt zur kosmischen Liturgie wird.
b) Die Dynamik der Liturgie in der Askese
Die ganze orthodoxe asketische Erfahrung verhält sich chri-stozentrisch. Deshalb ist Askese ohne Kirchengemeinschaft unvorstellbar. Ohne Gemeinschaft mit den Mitchristen kann eine Gemeinschaft mit Christus nicht existieren. Der Gottesdienst schafft, wie gesagt, den Orthodoxen die Möglichkeit, in Gemeinschaft mit Christus und miteinander zu treten. Das, was der Mönch oder der asketisch lebende Christ durch die Askese geworden ist, wird im Gottesdienst in Christus einverleibt. Daher ist also auch zu verstehen, warum das Zönobitische Mönchtum (Zönobium) durch Basilius den Großen für die Kirche als die echte Form des christlichen Mönchtums anerkannt wurde. Das Zönobium wird als Mikrographie der ganzen Kirche betrachtet, als ein Abbild der Kirche, in der der Sinn des orthodoxen Lebens als liturgische Doxologie ausgedrückt wird. Nicht ohne Grund befindet sich in jedem Kloster, und zwar in seinem Zentrum, das sogenannte Katholikon (Kirche). (Katholikon heißt das Hauptversammlungsgebäude des Klosters, das auch Kyriakon, nach dem Wort Kyrios = Herr genannt wird). Die Existenz des Katholikon in jedem Kloster beweist die Wahrheit, daß der Gottesdienst als Versammlung zur Verherrlichung Gottes als Zentrum des Klosterlebens betrachtet wird. Das «Mehr» des Lebens der Mönche an Gebet wird auch in einem «Mehr» an Gottesdienst anschaulich. Auf der anderen Seite leuchtet der asketisch hohe Wert des Gottesdienstes schon aus allen Bestimmungen seines objektiven Wesens hervor. Im Gottesdienst findet der Mönch seine höchste Verwirklichung. Deshalb will er in der heiligen Gottesgemeinschaft leben. Wenn der Mönch auf die Welt verzichtet, tut er es, weil das Leben in der Welt diese heilige Gemeinschaft zerstört. Die Teilnahme am Gottesdienst als Höhepunkt des ganzen brüderlichen Lebens im Kloster führt ihn wieder zu dieser heiligen Gemeinschaft. Im Gottesdienst entfaltet sich die heilige Gottesgemeinschaft in der wahren brüderlichen Gemeinschaft.
Die Geschichte des christlichen Mönchtums (des östlichen und des westlichen) bezeugt die Dynamik der Liturgie im asketischen Leben. Das Sakramentalleben bildet für die Mönche das Mittel, das Christusleben an sich selbst zu verwirklichen. Im sakramentalen und liturgischen Geschehen vollzieht sich in der Nachfolge des Kreuzes das Sterben des alten Menschen und das Werden des neuen. Notwendigerweise ist so das Sakrament in Vollkommenheitsstreben, in das Verlangen der Mönche also nach dem völligen Erfassen des Lebens Christi, einbezogen. Die Auffassung, daß die Askese die Sakramente ersetzen könnte o-der «überflüssig und gegenstandslos» mache, ist jedenfalls unseren Mönchen fremd. Entfernung von der Eucharistie ist Entfernung vom Herrn. So sagt der Heilige Basilius in seinem 32. Brief: «Täglich zu kommunizieren und an dem heiligen Leib und Blut Christi teilzunehmen, ist gut und nützlich... Wir kommunizieren wenigstens viermal in der Woche, am Herrentag, am 4. Tag, am Rüsttag und am Sabbat und auch an den anderen Tagen, wenn sie der Gedächtnistag eines Märtyrers sind». Der Heilige Kassian berichtet ebenfalls, daß die ägyptischen Mönche Samstags und Sonntags zusammenkamen, um die Eucharistie zu empfangen. Dieses «Zusammenkommen» ist aber ohne Gottesdienst unvorstellbar. Im Leben der alten Mönche gibt es einen gemeinsamen Topos, nämlich die Teilnahme am Gottesdienst. Ihre Streben nach dem engelgleichen Leben beschränkt sich nicht nur auf das asketische Leben, sondern beinhaltet auch das Verlangen nach der Teilnahme am himmlischen Gottesdienst zusammen mit den Engeln, die ihn in vollendeter Weise Tag und Nacht vollziehen. So ist nach ihrem Verständnis der Dienst der Engel mit ihrem eigenen verbunden als einem Teil des gemeinsamen Gottesdienstes mit den Engeln.
Die Praxis des Mönchslebens selbst ist ein wichtiger Beweis für das, was wir oben betont haben. Ich möchte hier ganz kurz einige Beispiele nennen. Eine tiefere Auffassung der Liturgie als Mysterium der Vereinigung mit Gott leitet die Ansichten der Asketen. Natürlich müssen wir in diesem Zusammenhang zwischen Anachorese und Zönobium unterscheiden. Wo die katastrophale Macht der Sünde besonders spürbar ist, da ist auch das Verlangen nach dem Leben in der Einsamkeit dringlicher. Die Anachorese wird von besonderen Motiven bewegt und gilt immer als revolutionäre Reaktion gegen den Verfall der christlichen Gesellschaft. In diesem Klima lebten besonders die alten Asketen, und deswegen waren sie so intensiv von der Askese bewegt. Die Vereinigung mit Gott, die für jeden Gläubigen durch den häufigen Empfang der Sakramente und durch die Teilnahme am liturgischen Leben der Kirche erreicht wird, gelingt dem Mönch bzw. A-sketen, zum Teil wenigstens, durch die Askese und durch sein ganzes monastisches Leben. Es ist bekannt, daß die Nonnen zu allen Zeiten mehr Verlangen nach der Liturgie verspürten als die Mönche. Eines ist aber für die Praxis der Orthodoxen Kirche wichtig, und zwar, daß die großen Väter des 4. und 5. Jahrhunderts, die sich auch als Bischöfe sehr ausgezeichnet haben und die das asketische Leben nie verlassen haben, in der Prachtentfaltung bei der Feier der Eucharistie gewetteifert haben. Besonders der Heilige Basilius, der größte Gesetzgeber des Mönchtums im Orient, hat in seinen asketischen Schriften dem liturgischen Leben den Vorrang zugesprochen. Er schreibt: «Die Gebete, die nicht gemeinsam gesprochen werden, sind an sich viel schwächer» (P.G. 32, 493 B). Wir möchten auch an die sogenannte «vierundzwanzigstündige schlaflose (ununterbrochene) Doxologie», die beim byzantinischen Mönchtum vom 5. Jahrhundert an üblich war, erinnern. Obwohl diese Haltung später verschwand, hat der ununterbrochene Kult nie aufgehört, das Ideal der orthodoxen Seelen zu bilden.
Die späteren Asketen sind einer analogen Praxis gefolgt. Der Hl. Symeon der neue Theologe z.B., eine der berühmtesten Gestalten des byzantinischen Mönchtums, bei dem die Schau Gottes das Herz seiner Frömmigkeit bildete, hat folgende Auffassung vertreten: «Die visionäre Lichtschau ist nicht der einzige Weg, um zur Vereinigung mit dem Herrn zu gelangen; sie ist auch noch auf einem anderen Weg zu erreichen, und zwar im Sakrament, bei der Kommunion». Er tritt für die tägliche Kommunion ein und ist tief davon überzeugt, daß ohne sie unsere Rettung unsicher bleibt. Von besonderer Bedeutung ist bei ihm die Verbindung der Eucharistie mit der Lichttheologie. Bei dieser Schau, so lehrt er, sieht der Fromme das Licht, da der Herr infolge der Kommunion leiblich in uns wohnt. Ein anderer großer Asket, der Hl. Gregor Palamas, der Führer des Hesychasmus, war während seiner schweren Askese in Berrohoia (1326 ff.) folgender Praxis gefolgt: Die ersten 5 Tage der Woche verbrachte er in seiner Zelle, den Samstag aber und den Sonntag widmete er der Brüdergemeinschaft und dem liturgischen Leben.
Diese spätere Praxis wurde bis heute in der ganzen Orthodoxie lebendig erhalten. Als Zeugnis dafür führen wir das liturgische Leben auf dem Heiligen Berg Athos an, wo heute die asketische Tradition der ganzen Orthodoxie vertreten ist. Der Besuch der großen Gottesdienste ist in der Tat Pflicht für die Athos-Mönche. Nachtwachen bis zum Morgen gibt es im Jahr etwa fünfzig. In manchen strengen Gemeinschaftsklöstern (Zönobia) kommen dazu noch alle Nächte von Samstag auf Sonntag in den beiden Hauptfastenzeiten vor Ostern und vor Maria Entschlafung.
Wir möchten diesen Abzatz mit den Worten des Abtes des Gregoriou-Klosters, Archim. Dr. Georg Kapsanis, schließen: «Im Gottesdienst der Kirche», schreibt er, «widmet sich der Mönch Gott in Liebe, und Gott gibt sich ihm... Seine Teilnahme am Gottesdienst ist keine Verpflichtung, sondern eine Notwendigkeit für seine Seele, die nach Gott dürstet... Der Vorrang, den das Mönchtum dem Gottesdienst zuspricht, erinnert die Kirche und die Welt daran, daß unsere Welt keine Möglichkeit hat, ihre Einheit und Verklärung zu erreichen, wenn die Liturgie nicht zum Zentrum unseres Lebens wird... Das Mönchtum erinnert uns daran, daß die heilige Eucharistie und der Gottesdienst nicht «etwas» in unserem Leben sind, sondern das «Zentrum», die Quelle der Erneuerung und Heiligkeit unseres ganzen Lebens».
c) Der asketische Charakter des orthodoxen Gottesdienstes
Wenn aber die Dynamik des Gottesdienstes in der Askese so stark ist, dürfen wir andererseits auch von einem großen Einfluß der Askese auf den orthodoxen Gottesdienst sprechen. Nicht nur die Formen, sondern auch der Inhalt, die Ideen, die Motive des orthodoxen Gottesdienstes haben einen starken asketisch-mystischen Charakter. Wir beschränken uns auf einige wichtige Bei-spiele:
aa) Der Einfluß der monastisch-liturgischen Form auf die Bildung des orthodoxen Kultes, der besonders nach dem Bilderstreit stattgefunden hat.
bb) Die Ideen der Nachfolge Christi, des Aufnehmens des Kreuzes als Leidensnachfolge, des Selbstkreuzigung, usw. zeigen den tiefen Einfluß der Askese auf die orthodoxe Hymnographie und Liturgie.
cc) Viele Akolouthien und Festtage sind den Mönchen und A-sketen gewidmet, die als Vorbilder der orthodoxen Spiritualität gepriesen werden.
dd) Die Widmung jedes Dienstags der Mutter Gottes und Johannes dem Täufer zeigt, wie tief die Tugend der Jungfräulichkeit und der Enthaltsamkeit die orthodoxe liturgische Praxis beeinflußt hat.
ee) Man könnte außerdem das Aufrichten der Ikonostase, die langen Fastenzeiten, die Ehelosigkeit (Zölibat) eines Teiles des Klerus erwähnen, sowie die Kleidung des Klerus usw. Manche wollen auch das Stehen der Orthodoxen während des Gottesdienstes als Einfluß der Askese auf den Gottesdienst bezeichnen. Der westliche Christ sitzt während des Gottesdienstes. Der östliche Christ bleibt stehen. Sehr wahrscheinlich ist hierin die asketische Tendenz des orthodoxen Gläubigen gegenüber dem Leib, sowie eine Nachahmung der Praxis der Engel im Himmel zu sehen, die «stehend» Gott preisen.
Viele Orthodoxe (und Nichtorthodoxe) erachten heute eine Erneuerung in der Orthodoxen Kirche als dringend notwendig. Die Frage ist aber: wie ist eine liturgische Erneuerung innerhalb der Orthodoxie zu verstehen? Unsere Kirchenväter befolgten eine Regel, die leider von uns nicht mehr befolgt wird. Jede neue Form des liturgischen Lebens suchte immer das Wesen der liturgischen Tradition zu wahren, und so konnte die Überlieferung der Heiligen Apostel immer weitergeführt werden. Deswegen stellt die heutige Erneuerung ein Grenzproblem dar. Unsere Kirche muß in diesem Punkt sehr vorsichtig sein. Die Menschen verlassen uns nicht hauptsächlich deswegen, weil die Liturgie ihnen nicht zu Herzen geht, sondern weil wir aufgehört haben, eine kämpferische, d.h. Christus bezeugende Kirche, zu sein. Was wir am meisten benötigen, ist eine liturgische Erweckung. Diese ist aber nicht zu verwirklichen mit einer Theatralisierung und Schönmacherei unseres Gottesdienstes, sondern durch die Realisierung der Brüderlichkeit aller Menschen in Christus mit der Hilfe des Sakramentallebens und der Sakramente; denn das würde zu einer Versöhnung der ständig in Konflikt stehenden sozialen Klassen führen. Die übermäßige Ausschmückung des Gottesdienstes wie auch die Einführung von Mitteln, die ihm fremd sind (z.B. Jazz, Pop-Musik usw.), schaffen keine Brücke zwischen Klerus und Volk. Im Gegenteil, die mit solchen Mitteln versuchte Ausschmückung unseres Gottesdienstes zeigt, daß wir als Träger des christlichen Geistes aus eigener Kraft nicht mehr die Menschen für Christus gewinnen können. Schmuck benutzen alte Frauen und Kirchen, wenn sie ihre Schönheit verloren haben. Das Mysterium der Heiligen Eucharistie war die Nahrung der altchristliehen Märtyrer und Bekenner. Dieses Mysterium kann auch heute die Märtyrer und Bekenner unserer Zeit stärken. Die Tragik aber besteht darin, daß es der Kirche, die diese Mysterien bewahrt hat, an Märtyrern und Bekennern fehlt! Jede äußere Erneuerung ohne innere Umkehr erscheint mir nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich!
5. Das christliche Leben als liturgische Askese
Johannes von Lykopolis hat in Kürze den Unterschied zwischen der Askese in der Welt und der Askese in der Wüste beschrieben: «Wenn nun ein Asket in der Welt lebt, so ist auch er gut, wenn er sich in der Frömmigkeit beharrlich übt und gute Werke verrichtet, welche sind Nächstenliebe, Gastfreundlichkeit, Liebestätigkeit und alles andere, was er tut der handelt gut an seinem Nächsten. Jedem Leidenden hilft er rückhaltlos. Wer dies tut, ist sehr gut und befolgt die Gebote, aber er ist noch um irdische Dinge besorgt. Wer aber der Welt entsagt hat, ist heiliger als dieser und größer als er. Der ist emporgestiegen zur Schau des Erhabenen, da er ja die Dinge der Welt verlassen hat und sie anderen hinterlassen hat, die sich darum kümmern...». Da der zweite Weg den Wenigen und Vortrefflichen gehört und wir diejenigen sind, denen die Asketen der Wüste «die Dinge dieser Welt hinterlassen haben», bleibt uns notwendigerweise die erste Lösung. Unsere Askese in der Welt kann zur Fortsetzung unseres Gottesdienstes werden, indem wir in der Anwesenheit des Dreieinigen Gottes unsere «Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer hingeben» und in eine echte Liebesgemeinschaft zu Ihm treten (Rom 12, 1). Dann wird unsere Askese zu einem liturgischen und eschatologischen Mysterium, das wir in der Wüste der Gesellschaft erleben können. Unsere Liebestätigkeit darf als organische Verlängerung unseres kirchlichen Gottesdienstes verstanden werden, natürlich ohne daß wir in Gefahr geraten, die Liebestätigkeit als Ersatz für den eigentlichen Gottesdienst anzusehen. Wir dürfen also von einer «liturgischen Frömmigkeit» im Leben der Kirche sprechen, die synonym mit der «liturgischen Askese» ist. Das heißt, die Liturgie erfaßt unser ganzes Leben. Das Leben des Christen wird zum Gottesdienst, bzw. zur Verkündigung der Großtaten Gottes und Verwirklichung seiner Herrschaft auch in dieser Welt!
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Artikel erstellt am: 10-1-2010.
Letzte Überarbeitung am: 10-1-2010.